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Dirk Brömmel – Kopfüber

Das Unmögliche zeigen: Dirk Brömmels Schiffsfotografien in einem neuen Buch.

Wie ein Vogel zu sehen, das müsste heißen: viel, beinahe alles zu sehen. Doch ist der Blick auf die Dinge tatsächlich schärfer von oben? Seit Jahren schon, seit 2004, fotografiert der 1968 geborene Wiesbadener Dirk Brömmel Schiffe. Von Brücken über die Spree, den Rhein oder die Donau – dann, wenn die Wasserfahrzeuge darunter hindurch gleiten. Die Schiffskörper, dargestellt ist ausschließlich das Schiffsdeck, stellt er in seiner Serie „Kopfüber“ stets frei – vor monochromem, verschieden eingefärbtem, teilweise bizarr buntem Hintergrund.

Ein Schiff, sagt Brömmel, ist eine ungewöhnliche Form. Man könnte diese wie einen Rahmen betrachten. Wie einen Rahmen, der eine Leinwand umfängt. Dirk Brömmel fotografiert seine Schiffe mit Langmut – und wird nicht müde dabei. Vielleicht, weil jedes Schiff anders ist. Vielleicht, weil ein Schiff mehr ist als ein Schiff. Ein Schiff ist immer ein bisschen wie die Arche Noah. Ein Zufluchtsort.

So können wir die Schiffe Brömmels begreifen: als Urform einer sich fortbewegenden Behausung. Dieser archaischen Form kommt Brömmel mit der Digitaltechnik des 21. Jahrhunderts bei. Er fotografiert die Schiffe von oben mit einer Digitalkamera, je nach Länge des Schiffs mit vielen Einzelaufnahmen, um die einzelnen Teilausschnitte später am Computer zusammenzusetzen. Das fertige Bild zeigt das Deck an allen Punkten in direkter Aufsicht. Es ist eine Neukomposition, die der Wirklichkeit zwar sehr ähnelt, dennoch fiktiv ist.

Das Fiktive, das Künstliche ist den Schiffsbildern von Dirk Brömmel stets immanent: Brömmel gelingt es, die Wirklichkeit als ein Modell ihrer Selbst wirken zu lassen. So viele Bruttoregistertonnen Stahl, einst mühsam auf Werften zusammengeschweißt, beladen mit Fracht, schmilzt die fotografische Inszenierung Brömmels ein, macht die Boote, Containerschiffe, Öltanker und Passagierschiffe zu ambivalenten, beinahe wesenhaften Objekten, denen man nicht trauen kann. Natürlich nicht: Denn wenn die Wirklichkeit so aussieht wie ein Modell, dann kann man der Wirklichkeit nicht trauen.

In der Ambivalenz zwischen Abbild und Inszenierung, zwischen Dokument und Fiktion liegt der besondere Reiz dieser Arbeiten. Brömmels Werkgruppe muss sich nicht entscheiden, muss nicht Dokument sein, nicht Typologie. Sie zieht ihre Faszination aus der Gleichzeitigkeit: Sie ist Sozialstudie, aber auch ein Beispiel für fotografische Abstraktion. Denn auch so kann man diese Bilder sehen: Als fotografische Strukturen, als grafische Signatur einer Oberfläche, als abstrahierendes, konstruktiv-architektonisches Bildkonzept.

Der Blick von oben zeigt die Welt nicht immer in schöner Ordnung, zeigt keinesfalls immer die Realität. Und so sind auch Dirk Brömmels Arbeiten zu verstehen: als irritierenden Versuch, etwas Unmögliches zu zeigen – etwas auszuleuchten, was man in Wirklichkeit nicht sehen kann. Sie sind nicht weniger als der Versuch einer neuen Perspektive, einer neuen Art der Wahrnehmung.

In dem jetzt erschienenen, neuen Buch versammelt Dirk Brömmel viele seiner schönsten Schiffe. Personenschiffe, Schiffe auf dem chinesischen Kaiserkanal, Gondeln in Venedig und schwimmende Märkte – und auch die Gestaltung ist einzigartig, wie er im Vorwort ausführt: „Schnell kam mir die Idee, das Buch in Kapitel zu unterteilen, die alle eine ganz eigene, originäre Handschrift tragen sollten.“ Das Ergebnis ist etwas Besonders: Fünf verschiedene Designagenturen (99°, von Zubinski, Fuenfwerken Design AG, Lekkerwerken GmbH, merkwürdig GmbH – alle aus Wiesbaden und Frankfurt am Main) haben die fünf Kapitel gestaltet. Ein Beitrag von Klaus Honnef führt auf profunde Weise in die Werkgruppe ein.

13.08.2014

Marc Peschke
Dirk Brömmel. Kopfüber. Brömmel, Dirk; Honnef, Klaus. Hrsg.: Brömmel+Brömmel GbR. Dtsch/Engl. 160 S. 230 fb. Abb. 30 x 30 cm. Gb. Kerber Verlag, Bielefeld 2014. EUR 48,00. CHF 61,80
ISBN 978-3-86678-955-5
 
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