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Und alles ist weg – Orte des 1. Weltkrieges in Polen

Er nennt sie Orte des Todes. Doch fotografiert hat Eric Pawlitzky 2013 immer wieder idyllische Landschaften, Dörfer nah und aus der Ferne, Brücken, eine Eisenbahnstrecke, einen Friedhof. Auf Spurensuche in einem Land das damals in Deutschland, Rußland und Österreich-Ungarn lag: Polen. Die Kämpfe im Osten 1914/15, unnah, verdrängt, vergessen. Im Westen nichts Neues.

Wo ist der Krieg in diesen Fotografien? Ähnlich unserer Erinnerung ist er versteckt, in und hinter diesen Bildern. Vielleicht im ersten Motiv der angefault-faulenden Bretter über einer Brücke, die in eine grüne Weite führen, bei Lodz. Metapher für die brüchige Verbindung unserer Gegenwart zu dieser Vergangenheit? Möglich. Der korrespondierende Quellentext spricht von dichtem Kugelregen im November 1914 in einer Schlacht, bei Lodz.

Beispiel für das methodische Prinzips des Autors, der fotografierten Gegenwartsidylle von ihm identifizierter früherer Schlachtfelder im heutigen Polen jeweils kurze, ortsbezogene offizielle Quellentexte aus dem „Großen Krieg“ gegenüberzustellen. Die geographische Spannweite: Von den Beskiden, Lodz, bis Tannenberg. Tannenberg, dieser blaß gewordene deutsche Mythos. Am 28. August 1914 um 6 Uhr fallen dort „Stangen und Mittelpferde nebst Fahrern im Feuer um wie Zinnsoldaten“. Die gegenübergestellte Bildtafel zeigt einen baumschattigen Sommerweg im Jahr 2013.

Doch Schatten, Herbstnebel, Winterkaltgrau, wolkenverhangene Himmel drängen sich von der Seite her oder von oben in fast all diese 26 farbigen Gegenwartsidyllen. Die heiter wirkenden Szenerien werden bleiern, unbestimmt, dräuend. Spannung baut sich auf, unaufgelöst. Das Idyll erweist sich als scheinbar, transitorisch, taugt nicht einmal mehr zur Kulisse. Ein zweiter grundsätzlicher Kontrast entsteht. So fotografierter Realität können wir nicht mehr vertrauen. Zu recht. Denn beim Blick auf die gegenüberliegende Seite ist sie wieder da. Die immer wieder verstörende, beunruhigende Realität der Kämpfe und Schlachten in den zeitgenössischen offiziellen Berichten von dieser heute fast vergessenen Front.

Nicht alles ist weg. Unsere Erinnerung hat durch diese Erinnerungsbrücken in eine ferne Zeit gewonnen. Die der Realität unserer Zeit nah ist.

30.11.2014
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
UND ALLES IST WEG...MIEJSCA, KTÓRYCH NIE MA. Orte des 1. Weltkrieges in Polen. Miejsca w Polsce związane z I wojną światową. Eric Pawlitzky. Dtsch/Poln. 76 S. 26 Abb., 22 x 31 cm Gb. Hörbild Verlag, Berlin 2014. EUR 27,00 CHF 33,00
ISBN 978-3-9816590-0-9
 
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