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Claudio Cambon - Shipbreak

Schiffe haben ein langes Leben.
Claudio Cambons Fotobuch „Shipbreak“

Die erste Seite des neuen Fotobuchs von Claudio Cambon ziert ein Anker. Dann folgen Bilder des Stapellaufs der Stanvac Meridian in Baltimore im November des Jahres 1961. Die Sonne bescheint das prächtige, funkelnagelneue Handelsschiff, das in den folgenden Jahrzehnten verschiedene Namen tragen wird: Mobil Meridian, Seminole und schließlich Minole.

Diese Bilder sind der Anfang der Geschichte. Ein Handelsschiff wurde von amerikanischen Schiffsbauern gebaut, um Güter zu transportieren. Es wird in die Welt entlassen. Hier fängt die Geschichte an. Auf den nächsten Seiten des von Katarina Lang und Frank Hyde-Antwi schlicht und sinnvoll gestalteten Buchs entdecken wir Porträts des deutschen Kapitäns der Mobil Meridian, des Leitenden Ingenieurs und eines Seemanns – alle aufgenommen im Jahr 1999, also 38 Jahre nach dem Stapellauf. Schiffe haben ein langes Leben. Auch davon erzählt das Buch „Shipbreak“ des 1967 geborenen Pariser Fotografen Claudio Cambon.

Auf den nächsten Seiten folgen Schwarzweißbilder des Arbeitsalltags auf dem Schiff. Dunkle, grobkörnige Sekundenbilder: eine Leine schwirrt durch die Luft, ein Schiffsarbeiter steht im Dampf, die Reling bei Nacht. Dahinter, verschwommen, die Lichter eines vorbeifahrenden Schiffes. Ruhige See, stürmische See. Mississippi River und Golf von Mexiko. Drei lachende Matrosen nach dem Essen, der vordere ganz unscharf. Dynamische, subjektive Fotografie. Dann das Bild des Seemanns Noah Tanihu, der breitbeinig auf einem Stuhl sitzt und sein Gesicht hinter seiner mächtigen Arbeiterhand verbirgt. Ist es Müdigkeit oder Verzweiflung? Und was macht den Unterschied aus?

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist: Hier wird die Historie eines Schiffes vom Anfang bis zum Ende erzählt, bis zu seiner letzten Reise nach Bangladesch, wo es schließlich verschrottet wird. Doch auch hier ist die Geschichte des Frachters noch nicht zu Ende. Nach der harten Arbeit der Schiffsverschrotter – sie arbeiten noch immer hauptsächlich mit der Hand – finden die Materialien Eingang in die Alltagswelt Bangladeschs.

Ein Schiff ist für viele Menschen Existenzgrundlage – über mehrere Generationen. Vom Anfang bis zum Ende, wenn es immer noch als Material-Reservoir dient, aus dem neue Produkte wie Schaufeln oder Scheren gefertigt werden. Cambons Buch erzählt von diesem Kreislauf mit Bildern und erläuternden Texten. Dem Fotografen sind dabei alle ästhetischen Sperenzchen fern: Klassischer kann eine fotografische Reportage heute kaum sein.

14.02.2016
Marc Peschke
Shipbreak. Cambon, Claudio. Engl. 176 S. 28 x 23 cm. Gb. Edition Patrick Frey. Zürich 2015. EUR 46,00. CHF 58,00
ISBN 978-3-905929-84-3
 
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