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Stefan Boness – Japan

Stefan Boness macht gerne schmale, auf den ersten Blick unspektakuläre Fotobücher, die man aber sehr ungern wieder aus der Hand legt. Schon sein Band „Southern Street“ war so ein Buch. Ein schmales Werk, in dem man noch Jahre später sehr gerne blättert.
In diesem bearbeitete Boness das Thema der Veränderungen urbaner Räume am Beispiel von Manchester, indem er mit seiner Mamiya 6x7-Kamera die „Southern Street“ mit ihren verlassenen Arbeiterhäusern unter die Lupe nahm: „Relikt der alten Zeit, eine Kulisse wie auf einem Filmset“.
In seinem neuen Buch führt es den 1963 in Bad Schwartau geborenen Fotografen nun von den „Victorian Terraced Houses“ nach Japan. Diesmal geht es nicht so sehr um die Veränderung, sondern um das, was geblieben ist. Die Fotografie ist als fixierendes Bildmedium dazu bestimmt, Erinnerung zu bewahren, das scheint das Motto dieses Bandes. Erinnerungen als rettende Anker der Existenz in einer zweifellos von starken Gegensätzen geprägten Gesellschaft.
Boness‘ Japan ist – auf mattem Papier gedruckt – das Japan klassischer europäischer Bildungsreisender: edle Stoffe, historische Tempel, feine Kimonos, umnebelte Naturbilder, Wasserlandschaften, Kalligrafie, Lampions im Nachthimmel, Straßenszenen, die ganz kurz auch mal den Blick auf die flirrend-bunte Konsumwelt des Landes freigeben. Wir sehen: eine in Teilen noch archaische, noch von buddhistischen Regeln bestimmte Kultur, die sich mit modernster Technologie mischt, die aber dennoch mit den alten Dingen, mit der Vergangenheit stark verwoben ist.
Doch was ist das Besondere an diesen Bildern, an diesen Porträts, Naturstudien oder Architekturaufnahmen? Sie machen sehr große Lust auf das Land. Sie machen Lust, gleich zu verreisen, sich selbst auf die Suche nach Schönheit zu begeben und sich in der Opulenz der Kirschblüte zu verlieren.
Vor kurzem ist bei Prestel ein neues Japan-Buch von Michael Kenna erschienen – Boness‘ Werk ist ganz anders: Er braucht nur wenige Seiten, um ein Bild des Landes zu malen, um Fernweh zu wecken. Dieses Fernweh entsteht aus einer romantischen Sehnsucht nach Vergangenheit, die der Fotograf womöglich besonders spüren mag, da er in Berlin und Manchester lebt – in zwei Städten, die sich in den vergangenen Dekaden nicht nur verändert, sogar vollkommen neu erfunden haben.
Boness, das zeigt auch dieses Buch, ist kein Sekunden-Fotograf, sondern ein genauer Beobachter und Bildgestalter, der den Betrachter tief in ein Thema zu führen vermag. Und das ureigentliche Thema dieses Buches ist die Schönheit und die Vergänglichkeit, für die in Japan die Kirschblüte steht. „Sakura“ ist die große Metapher der japanischen Kultur, bis heute.
„Sakura“ erinnert – jeden Frühling – daran, dass alles seinen Anfang und sein Ende hat. Gegen Mitte März beginnt die Kirschblüte im Süden, um sich dann im Mai im Norden Japans zu vollenden. In dieser Zeit versinkt das Land in einem Meer von Blüten. Ein wenig von dieser Schönheit kann man in diesem melancholischen Buch zu fassen kriegen, ohne die weite Reise antreten zu müssen.

8.06.2016
Marc Peschke
Japan – Fleeting Encounters. Abbildungen von Boness, Stefan. Engl. 2016. 80 S. 83 fb. Abb. Gb. Jovis Verlag, Berlin 2016. EUR 28,00.
ISBN 978-3-86859-419-5
 
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