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Golden Days Before They End

Das junge Wien sieht anders aus.
Klaus Pichlers neuer Band „Golden Days Before They End“

Alles ist endlich. Alles geht vorbei. Da, wo viele Jahre eine Eckkneipe war, da macht jetzt ein neuer Coffee-Shop auf. Da, wo sonst schon um die Mittagszeit geknarzt wurde, da werden jetzt teure Smoothies serviert. „Golden Days Before They End“ ist ein Fotobuch, dass es ernst meint mit der Erinnerung: eine Hommage an die aussterbenden Beisl von Wien hat Klaus Pichler fotografiert – das bei der Edition Patrick Frey erschienene Buch ist ein Höhepunkt dieser Fotobuch-Saison.

Nein, es sind nicht wirklich schöne Bars und Kneipen, die Pichler aufgenommen hat. Es sind richtige Sauf-Löcher darunter, klebrig und schmutzig – nicht auf noble Art in die Jahre gekommen. Im Gegenteil: Die kleinen Kneipen sind auf teilweise unschöne Art gealtert – das zeigen uns viele dieser Bilder. Und die, die hier sitzen, die schon viele Jahre hier sitzen und die bald nicht mehr hier sitzen werden, die sind auch älter geworden. Wer sich nicht herein traut, der kann jetzt einen Blick hinter vergilbte Glasscheiben erhaschen. Ein paar Gäste sind noch da, aber nicht mehr viele: Die Kneipen haben es schwer, das junge Wien sieht anders aus. Die Welt verändert sich.

Umso wichtiger, das, was es hier noch gibt, in Bilder zu gießen, die an Absurdität, an Drama, an Humanität kaum zu überbieten sind. Das Milieu, das wir hier sehen, viele Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, der eine oder andere Rentner, ist gezeichnet von Alkohol, von zu vielen Zigaretten, von zu wenig Frischluft. Doch sind diese Orte eine Anlaufstelle für viele, die sonst keinen Ort haben – die Beziehung der Stammgäste zu den Wirten und Wirtinnen ist innig. Auch das erzählen die Bilder.

Jedes Beisl ist eine kleine Welt. Ein eigener Kosmos mit ganz besonderen Spielregeln. Ein Ort, wo man nicht nur trinken, sondern auch mal seinen Rausch ausschlafen kann. Viele Bilder von Schlafenden, Dösenden sehen wir: Männer und Frauen, die Spitznamen wie Dolby Surround, Schlapfen-Charlie, Moldi, Futzi, Quasimodo, Bonsai-Peppe oder Falten-Charlie haben.

Etwa hundert Lokale hat Klaus Pichler besucht, manche gerade noch charmant, andere ganz desolat. Mit dem Autor Clemens Marschall ist er um die Häuser gezogen und hat dabei nur Wasser getrunken. Vieles, was er sah und mit viel Sinn für die Theatralik der Orte und Menschen dokumentiert hat, gibt es heute schon nicht mehr. Die Tristesse, die viele dieser Bilder ausstrahlen, mögen die Stammgäste kaum so empfinden. Auch das ist eine Lehre dieses Buchs.

Es steht nicht gut, um diese Beisln, Tschocherln und Hütten. Im Jahr 2018 soll das Rauchverbot in Österreich noch einmal verschärft werden: Das könnte für viele weitere Kneipen das Ende bedeuten. Pichlers Buch ist eine womöglich letzte Würdigung einer Welt, die es bald nicht mehr geben wird. Einer Welt, der wir auch über die Texte und Zitate in dem Band ganz nah kommen. Etwa, wenn eine Kellnerin aus dem „Café zur Panik“ über einen Gast erzählt: „Ich hab einmal einen gehabt, der wollt sich in der Hütte erschießen. Ich sag zuerst: „Geh, heast, des zahlt si ned aus, so schlimm kann‘s ned sein, red ma drüber.“ Dem hab ich dann eingeredet: „Du, heast, i bin nur a deppade, klane Kellnerin - warum willst mir an Dreck machen? Da drüben hast du die Polizei - mach denen drüben an Dreck und i hab mei Ruah.“ Der ist dann wirklich beinhart rüber zur Polizei, hat angeläutet in der Nacht, die haben die Tür aufgemacht, er hat sich die Waffe angesetzt und weg war er.“

Der Blick des Fotografen auf all diesen Wahnsinn ist präzise und direkt. Er lässt seinen Protagonisten Raum, auf ihrer Bühne zu agieren: „ Auf vielen Fotos sieht man die Gäste in Situationen, die ich als „Inszenierungen“ bezeichnen würde – allerdings von den Gästen selbst inszeniert und ohne mein Zutun entstanden.“ Pichlers Blick ist aber auch voll Zuneigung für das, was er sieht. Und diese Zuneigung findet sich in den Bildern wieder. Eine der ersten Reaktionen auf die Fotografien des Buchs kam von einer Wirtin selbst: „Ja, so geht‘s eben zu bei uns.“ „Golden Days Before They End“ zeigt Orte in den letzten Zügen ihrer Existenz. Zeigt Menschen, die bald nicht mehr hier sitzen werden. Doch was kommt dann?

Ganz offenkundig hat diese Fotografie ihre Vorbilder. Einen ähnlichen mitleidlosen Blick in die Abgründe der Trinkerkultur riskierte Anders Petersen schon in den Siebzigern im Hamburger „Lehmitz“ am Zeughausmarkt. Seine Bilder – 1978 erstmals bei Schirmer/Mosel als Buch publiziert – sind weltbekannt geworden. Auch Klaus Pichler zeigt Menschen, von denen man sagt, sie seien „unten“ angekommen. Und auch er führt die in den Kneipen Gestrandeten auf eine Weise vor Augen, die sich ins Gedächtnis brennt. Auch, weil diese Fotografien auf ähnliche Weise von einer Solidarität erzählen, von einem Gemeinschaftsgefühl, von einem sozialen Gefüge. Elend, Schmutz, Würde, Zusammengehörigkeit am Abgrund. Das „Lehmitz“ steht schon seit 1987 nicht mehr. Viele Wiener Beisl werden ihm bald in die ewigen Jagdgründe folgen.

11.11.2016
Marc Peschke
Golden days before they end. Fotograf: Pichler, Klaus; Marschall, Clemens. 250 S., 120 Abb. Edition Frey, Zürich 2016. EUR 52,00 CHF 52,00
ISBN 978-3-906803-05-0
 
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