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Real Nazis

Dieser Bilderzyklus sei ein radikaler Kommentar zur aktuellen politischen Stimmungslage, in der die Grenzen zwischen dem Populistischen und dem Faschistoiden zunehmend verschwimmen. Er zeige laut Waschzettel des Verlages „echte“ Nazis - Parteigrößen, Kriegshelden und Verbrecher, eine propagandistisch-inszenatorische Bilderwelt des Dritten Reichs.
Der diesem vorausgehende Band 1998 bezog sich auf Bilder der Nazis, die in Hollywood-Filmen gezeigt wurden. Anstelle der Hollywood-Bilder stammen die hier gezeigten Bilder aus verschiedenen Archiven und wurden im Auftrag der documenta 14 zur Eröffnung in Kassel in der neuen Galerie gezeigt.
Die meisten Porträtierten tragen Namen, meist sind es ganz „normale“ Militärangehörige, einige waren SS-Männer, dabei sind auch Hermann Göring, Robert Ley und Adolf Eichmann. Einige starben erst viele Jahre nach dem Krieg. Von den Porträtierten gibt es nur die Lebensdaten, keine Biographien.
Friedrich Jeckeln hängt 1946 am Strick, und das Bild von Joseph Beuys ist irgendwo mittendrin. War er „Real Nazi“? Er ist jung, wie viele andere auch.
Von Albert Speer ein Foto aus dem Jahr 1944, als er Reichsminister für Bewaffnung und Munition war, weiß man heute, dass er längst nicht so unwissend war, wie er sich nach dem Krieg überzeugend darstellte. Ein echter „real Nazi“ bis zu seinem Tod 1981!
Auch werden einige Frauen gezeigt: Irma Grese, sie war Aufseherin in Ravensbrück, Hanna Reitsch und Leni Riefenstahl sind auch dabei, und eine fremde Schöne wirbt für den Bau von Jugendherbergen und Heimen, und wie hingestreut unter die Porträts wird als treuer Kamerad ein Schäferhund auf einem Werbeplakat präsentiert.
Einige der Porträtierten lächeln in die Kamera, andere blicken zornig oder erhaben, viele in Uniform. Und ganz zum Schluss der Kopf von Adolf Hitler auf dem Time Magazin vom 7. Mai 1945, durchgestrichen mit einem blutroten Kreuz. Das letzte etwas zerstörte Porträt zeigt einen Teil des Gesichts von SS-Obersturmbannführer Alois Obschil, gestorben im Jahr 2000.

Ist dieser Bilderzyklus wirklich ein radikaler „Kommentar“ zur aktuellen Stimmungslage? Es gibt nur eine klitzekleine englischsprachige Einleitung, die auf eine Vorarbeit von Piotr Uklanski hinweist. Mehr nicht!

Wer sind die Leser? So eine wie ich, deren Eltern bis zu ihrem Tod verschwiegen, dass sie „real Nazis“ waren? Oder gar heutige „real Nazis“, die sich wieder laut äußern, dass vieles doch gar nicht so schlecht gewesen sei, damals im Dritten Reich.
Für wen soll dieser „Bildband“ gut sein? Ich fürchte, er gelangt in falsche Hände.

06.07.2017
Gabriele Klempert
Real Nazis. Uklanski, Piotr. Engl. 260 S. 250 z. T. fb. Abb. Gb. Edition Frey, Zürich 2017. EUR 52,00. 52,00.
ISBN 978-3-906803-52-4
 
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