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Antlitz der Zeit

Wenn die Moderne unsere neue Klassik ist, dann ist es nur konsequent, dass die Inkunabeln jener Zeit als moderne Klassiker-Ausgaben in Nachdrucken lieferbar sind. Für die Hauptwerke des modernen Fotobuchs gilt dies nahezu vollständig: Karl Blossfeldts „Urformen der Kunst“ von 1929 ist heute in unterschiedlichen Ausgaben greifbar, Aenne Biermanns „60 Fotos“ (1930) wurde 2019 vollständig faksimiliert und sorgfältig kommentiert, und August Sanders epochemachender Band „Antlitz der Zeit“ (1929) liegt ebenfalls in einer exzellent neu gedruckten und um die Rezensionen zur Erstausgabe erweiterten Neuausgabe vor. Nur das vielleicht sprödeste Fotobuch unter den Klassikern der Neuen Fotografie, Albert Renger-Patzschs Foto-Fibel „Die Welt ist schön“ (1928), ist nicht in einer lieferbaren Neuedition greifbar, was vielleicht an dem heute schwer vermittelbaren Titel des Bandes liegen mag.
Während sich Blossfeldt den Formen der Natur gewidmet hat und sich Biermann und Renger-Patzsch auf eine neue Sicht der Dinge konzentrierten, bildete August Sanders Bildband „Antlitz der Zeit“ ein durch und durch humanistisches Projekt, eine Art fotografische Feldforschung. Im Untertitel hieß der Band schlicht „60 Fotos deutscher Menschen“ und versammelte – ohne nationalistische Ambitionen – ein Zeitbild einer Epoche: den unbefangenen Blick auf den Menschen der 1920er Jahre. Sander präsentiert den homo sapiens hier als Phänotyp, in den unterschiedlichsten Ausprägungen seiner Zeit. Er führt uns Menschen vor Augen, anonymisiert, geprägt und gezeichnet durch Attribute, Attitüden, Haltungen und die Spuren, die sozialer Stand, Beruf und soziale Rolle erfordert oder hinterlassen haben.
Kein Geringerer als der Schriftsteller Alfred Döblin, der mit Franz Biberkopf selbst den Typus einer Epoche gezeichnet hat, schrieb die Einleitung zu dem Band. August Sander und Alfred Döblin laden somit gemeinsam ein, den Menschen einer Epoche – die, wie wir wissen, dem Untergang geweiht war – in die Augen, auf die Hände und den Habitus zu schauen. Dadurch ist August Sanders Fotobuch ein merkwürdiger Zwitter: sowohl von fotohistorischer, künstlerisch-ästhetischer wie auch von soziologischer und anthropologischer Relevanz.
Dieses Spannungsfeld – von der Wahrnehmung des Bandes als Fotobuch wie auch als quasi anthropologische Bild-Anthologie – macht der erstmals in dieser Vollständigkeit dem Nachdruck beigegebene Dokumentarteil deutlich, der sämtliche dem August Sander-Archiv heute bekannten zeitgenössischen Rezensionen dokumentiert und wiedergibt. Dadurch gelingt es, die Neuausgabe nicht nur als Klassiker des Fotobuchs einer heroischen Epoche zu rezipieren, sondern sich auch ein repräsentatives Bild von der Wahrnehmung des Bandes in seiner Zeit zu verschaffen.
Eine Ergänzung sei bei dieser Gelegenheit erlaubt: „Antlitz der Zeit“ wurde nicht nur in Zeitungen, Magazinen, Kunst- und Publikumszeitschriften besprochen, sondern auch in den „Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien“, in denen auch deren Rezensent dem Fotografen eine „ausgezeichnete Beobachtungsgabe“ für die „durch die einzelnen Berufe (…) bedingten Modifikationen (…) des menschlichen Körpers“ bescheinigt.

02.09.2019
Rainer Stamm
Antlitz der Zeit. 60 Fotos deutscher Menschen. Sander, August. 200 S. Abb. 29 x 21 cm. Schirmer & Mosel, München 2019. EUR 29,80. CHF 34,30
ISBN 978-3-8296-0865-7
 
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