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Simone Kappeler – America 1981

Das Werk der Schweizer Fotografin Simone Kappeler ist in Deutschland bisher wenig bekannt. Zwar ist vor ein paar Jahren bei Hatje Cantz ein inzwischen vergriffenes Buch erschienen, doch blieb die analoge Bildwelt Kappelers etwas für Eingeweihte: weit entfernt von den Moden publizistischen und kuratorischen Treibens dieser Tage.
Das mag auch an den Sujets liegen. Atmosphärische Reisebilder und Porträts fotografiert Kappeler – diese lassen sich nicht so leicht einbinden in aktuelle Themenfelder. Eine „magische Überzeitlichkeit“ wurde in diesem Werk entdeckt, das Züge der Melancholie nicht verbergen kann und auch nach einem klassischen Thema der Fotografie fragt: nach der Zeit und dem ständigen Verlust des Augenblicks.
Mit ihrem neuen Buch „America 1981“ könnte Kappeler nun doch bekannt werden. Es würde nicht wundern, wenn auch die großen Museen nun Schnappatmung bekämen, denn die 1981 entstandenen Bilder eines Roadtrips gefallen nicht nur in ihrer Substanz – sie sind nebenbei auch noch ungemein trendy.
1981 fuhr die damals 29jährige Frauenfelder Künstlerin durch die USA. Dass sie das suchte, was viele dort suchen, Abenteuer und Freiheit, ist in den Bildern dieser Monate wie eingebrannt. Sie war jung und hatte Lust auf das fotografische Experiment, versuchte sich mit billigen Kameras, fotografierte den Alltag, den sie sah – in Farben, nach denen sich heute viele verzehren. Derzeit schraubt man dafür eifrig an Filtern – früher war der fotografische Schmelz echt und wahrhaftig.
Es ist natürlich eine Supergeschichte, dass das Material 35 Jahre lagern musste, bis sich Simone Kappeler daran erinnerte und Scheidegger & Spiess ein Buch daraus machten, das man getrost zu den schönsten dieses Sommers zählen kann. Und ja: Es ist ja auch ein Sommerbuch mit Sommerbildern, die nicht staubig geworden sind, sondern, die noch heute so klingen wie, sagen wir, Neil Youngs Album „Harvest“: Sie tragen eine Atmosphäre in sich, die jeder erspüren kann, die ans Herz geht – auch an das der Nachgeborenen.
Drei Monate reiste Kappeler mit einer Freundin durch die USA, in einem Ford Gran Torino, der den beiden Frauen auch als Schlafstätte diente – jenem zwischen 1972 und 1976 gebauten Fahrzeug, welches in dem 2008 erschienenen Film von und mit Clint Eastwood eine zentrale Rolle spielt. In dem Film erinnert das Automobil an eine längst vergangene Zeit, die 1981 aber noch gar nicht so lange zurück lag. Das Auto, bei Eastwood präsentiert es ein vergangenen Amerika, nach dem wir uns – ohne es unbedingt zu kennen – beim Betrachten der Bilder zurücksehnen.
Nicht unähnlich dem Frühwerk von Stefanie Schneider schafft Kappeler malerische Fotografien, die vor Exotik und Nostalgie schier platzen: ein Autokino in San Luis Obispo, eine Straßenszene in Las Vegas, ein Besuch in Disneyland, Los Angeles, fotografiert mit einer Hasselblad, aber auch mit Polaroid oder der Knipskiste Diana mit Plastiklinse. Diese Bilder muten mal wie Schnappschüsse an, doch sind sie bisweilen auch von monumentaler, maximaler Suggestions-Kraft. Sie erzählen von einem Lebensgefühl, das Freiheit heißt.
Malerische Unschärfe führt zu betörenden Abend- und Nachtbildern. Wer braucht Malerei, wenn es solche Fotografien gibt? Violett, blau und schwarz leuchten viele der Szenen, die in dem Jahr entstanden, als Kappeler die Fachklasse für Fotografie abgeschlossen hatte und sich gen Westen aufmachte. „Ich fotografiere um der Schönheit willen und um etwas zu bewahren“, so schlicht beschreibt sie heute ihr Tun.
„1981 war eine Reise in die Staaten noch ein Versprechen“ erinnert sich die in Zürich lebende Künstlerin – und so sehen auch diese Bilder aus: wie ein Versprechen, das bis heute Bestand hat. Wie ein Glücksgefühl, das die Zeit überdauern konnte. Das klingt pathetisch, aber in ihren besten Momenten löst die Fotografie immer wieder dieses Versprechen ein.
Das Buch von Simone Kappeler ist nicht auf Einheitlichkeit angelegt. Sie wechselte die Kameras und die Zusammenstellung folgt chronologisch der Reise, die herausführt aus der helvetischen Enge. Man hätte die Bilder vielleicht noch gefälliger sortieren können, doch der Reiz dieses Buch besteht auch in der Sinnlichkeit des Chronologischen.
Wir folgen immer gebannter dem Zeitstrahl, der einen ganz eigenen Sog entwickelt. Belangloses mischt sich mit ikonischen Bildern, die man glaubt, schon lange zu kennen. Dieses Buch lehrt uns, wie spannende Fotobücher funktionieren: „Harmonie kann langweilig sein, es sollte auch etwas geschehen an den Rändern eines Bildes. Man muss auch Brüche zulassen: Eine Foto, die nicht in die Abfolge passt, erzeugt eine Reibung, die interessant sein kann“, sagt Kappeler. Danke! So ist es! Das Buch wird begleitet von einem Text Peter Pfrunders – Direktor der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. Hier mal ganz klar: absolute Kaufempfehlung!

17.09.2020
Marc Peschke
Simone Kappeler – America 1981. Beitr.: Pfrunder, Peter; Fotos von Kappeler, Simone; Hrsg.: Trösch, Jürg; Bosshard, Markus. Dtsch.; Engl. 256 S. 160 fb. u. 77 sw. Abb. 34 x 24 cm. Gb. Scheidegger & Spiess, Verlag Zürich 2020. EUR 68,00. CHF 69,00
ISBN 978-3-85881-679-5   [Scheidegger & Spiess]
 
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