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tempelhof. metamorphosis

Tempelhofer Freiheit
„Auf dem Tempelhofer Feld scheinen Himmel, Weite und Freiheit grenzenlos zu sein“, so und mit dem Projektnamen „Tempelhofer Freiheit“ bewirbt die Stadt Berlin seit der Öffnung des Tempelhofer Feldes im Jahr 2010 die riesige innerstädtische Freifläche, deren Bedeutung beim Volksentscheid 2014 gegen die Randbebauung noch einmal bestätigt wurde. Denken wir an diesen Ort, da kommen uns schöne Bilder in den Sinn: Menschen beim Picknick, beim Entspannen, beim Drachensteigenlassen, beim Gärtnern oder beim Sport. Das Feld ist ein Ort der urbanen Entspannung – verschiedene soziale und künstlerische Projekte haben hier ihren Platz.

Das Gelände des 1923 eröffneten ehemaligen Flughafens mit seiner langen Sport-, Militär- und Luftfahrtgeschichte ist das Thema einer fotografischen Serie von Anna Thiele, die unter dem Titel „tempelhof. metamorphosis“ im vergangenen Jahr als Buch erschienen ist. Der im Berliner Distanz-Verlag veröffentlichte Band bietet im zehnten Jubiläumsjahr der neuen Nutzung auf 112 Seiten eine fotografische Bestandsaufnahme der größten Brache Europas, welche vor allem die Weite feiert. Grandiose Panoramaaufnahmen, weite Horizonte, viel Himmel und wenig Menschen zeigt uns die Berliner Fotografin. Oft verzichtet sie ganz auf menschliches Beiwerk und lässt die Leere für sich sprechen.

Doch ab und an geht der Blick von der Distanz ganz nah heran. Dann blickt die Fotografin – die bei Arno Fischer studiert hat – auf den bröckeligen Asphalt, auf alte Markierungen oder Graffitis, zeigt Büsche, ein paar Mülltonnen oder auch Menschen beim Grillen oder bei der urbanen Landwirtschaft. Seit zehn Jahren fotografiert Thiele hier: eine fotografische Langzeitbeobachtung eines asketischen, spröden Ortes, der Jahrhundertelang Ackerfläche war und seit dem 18. Jahrhundert als Exerzierplatz für die preußische Armee diente. Die Nationalsozialisten machten den Flughafen zum einst flächenmäßig größten Gebäude der Welt. Auch die dunkle NS-Geschichte lebt hier weiter.

Um die Veränderung der Stadt geht es in diesem Buch. Um Transformationsprozesse. Doch diese werden stets aus der Distanz wahrgenommen: Die Fotografin ist nie Teil des Bildes. Stattdessen: Beobachterin. Vergleicht man ihr Werk mit dem ihres Lehrers Arno Fischer, bei dem sie an der Ostkreuzschule studiert hat, so werden Unterschiede offenkundig: Fischer wollte seine Bilder atmosphärisch aufladen, besonders am Ende seine Schaffens, als er seine Polaroid-Reihe „Der Garten“ fotografiert hat. Er zeigte verblühte Pflanzen, Steine, Gartengeräte. Wundersame Lakonie.

Eine solche poetische Lakonie ist Thiele fremd. In einem Interview mit Christine Bartlitz hat die Fotografin bekannt, dass sie gerade an dem Wandel interessiert sei, dem das Feld unterliegt. An den Spuren, welche die Menschen hier hinterlassen – und an dem, was sich die Natur zurückholt.

„Wir spüren die Ruhe neben der urbanen Hektik, die ‚draußen‘ bleibt“, schreibt Kunsthistoriker und Kurator Dr. Matthias Harder in seinem Buchbeitrag, der darauf hinweist, dass der öffentliche Ort hier zu einer „Bühne“ werde. Und auf dieser Bühne gibt es derzeit viel zu entdecken. Immer mehr, merkt die Fotografin an: „Anfangs war der Raum richtiggehend unschuldig in seiner Reinheit, und die Menschen waren noch eher so etwas wie temporäre Gäste. Inzwischen ist es schon eine Art Freizeitpark mit ein bisschen Experimentalcharakter geworden.“

Das Feld, der Ort, wo sich Himmel und Erde so nah kommen, es zeigt sich in den Bildern von Anna Thiele immer anders. Was mit den verschiedenen Jahreszeiten zu tun hat, aber auch damit, dass sich hier bei schlechtem Wetter nur wenige Menschen aufhalten, an anderen Tagen aber sehr viele. Unterschiedliche Identitäten sind eine Besonderheit dieses Ortes, der sich immer wieder ändert. „Der unverfälschte Zustand des Flugfeldes, den wird es so nie wieder geben“, so Thiele. Das mit dem Deutschen Fotobuchpreis 20|21 in Silber ausgezeichnete Buch – das unentschieden bleibt zwischen Zeitdokument und subjektivem Ansatz – beinhaltet auch einen längeren Beitrag der Historikerin Christine Bartlitz zur Geschichte des Tempelhofer Feldes.

16.02.2021
Marc Peschke
tempelhof. metamorphosis. Thiele, Anna. Beitr.: Bartlitz, Christine; Harder, Matthias. Deutsch; Englisch. 112 S. 16 fb. und 23 s/w-Abb. 27,0 x 25,2 cm. Distanz Verlag, Berlin EUR 38,00..
ISBN 978-3-95476-334-4
 
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