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Die Eroberung der Bilder

Fotografiegeschichte als Sammelsurium

Anthologien zur Theorie und Geschichte der Fotografie haben derzeit Konjunktur. Sie versammeln Analysen wie Plaudereien, neue Ansätze und Übersetzungen von alten Texten. Besonders die einschlägige amerikanische und französische Literatur wird auf Druckbares durchforstet, und sei es nur, um einen bekannten Namen in der jeweiligen Kollektion präsentieren zu können.
So verhält es sich auch im gegebenen Fall, wenn die bekannte Fotohistorikerin Anne McCauley über die Reise von Maxime DuCamp und Gustave Flaubert von 1849/51 in den Vorderen Orient und die Entstehung und Verwertung der Aufnahmen erzählt. Allerdings bleibt unergründlich, weshalb diese Betrachtungen von 1982 aufgenommen worden sind, denn sie haben mit der Photografie in Buch und Presse, wie der Untertitel des Bandes verheißt, rein gar nichts zu tun. Dies trifft ebenso auf die - wenn auch interessanten -Überlegungen von Christine Karallus über die „fotografische Identifizierung des Tatorts um 1900„ zu sowie auf einen rasanten Galopp über den Parcours der Theaterfotografie im 19. Jahrhundert, der noch zusätzlich irritiert, weil zwar im Text mit der Daguerreotypie der 1840er Jahre begonnen wird, aber die Illustrationen erst um 1870 einsetzen. Nicht zuletzt stellt sich die im zweiten Untertitel genannte Zeitspanne von 1816 - 1914 als Humburg heraus, denn vor 1838/39 hat es weder textliche noch bildliche Veröffentlichungen zum neuen Medium geben.
Gleichwohl enthält die Sammlung einige wertvolle Beiträge, allen voran jenen von Bernd Weise, der über "Aktuelle Nachrichtenbilder ‚nach Photographien’ in der deutschen illustrierten Presse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts", also über die in Stich- und anderen Techniken hergestellten Wiedergaben von fotografischen Vorlagen informiert. Lesenswert sind auch die Texte von Stephen Bann, Bernd Stiegler und André Gunthert, die entlang einzelner Werke (ein Gemälde von 1844 zu einer Auseinandersetzung in einem Pariser Salon anlässlich der Erfindung der Daguerreotypie) oder Bildautoren (der Pionier W.H.F. Talbot, der Piktorialist P.H. Emerson und der medizinische Fotograf Albert Londe) sich über ganz unterschiedliche Anliegen und Veröffentlichungen äußern.
Insgesamt handelt es sich um eine seltsame Mixtur, die dem selbst gewählten Anspruch der Herausgeber nicht gerecht wird und zudem ohne Lektorat auskommen musste. Denn einem solchen wäre nicht entgangen, dass es einen französischen Physiker namens Gay-Lussak (S. 71) ebenso wenig gibt wie ein Mayer’s [S. 72] Großes Konversations-Lexikon von 1908. Daß nicht einmal kurze Biografien der AutorInnen enthalten sind, verweist ein weiteres Mal auf die Mangelhaftigkeit dieser Publikation.
Timm Starl
Die Eroberung der Bilder. Photographie in Buch und Presse (1816-1914). Hrsg.: Grivel, Charles u.a. 2002. 300 S., 60 Abb.. Kt EUR[D] 28,90
ISBN 3-7705-3684-3
 
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