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Photografien von 1855 bis zur Gegenwart aus der Sammlung van der Grinten - Ausstellung vom 30. Nov. 2003 bis 29. Feb. 2004.

In dieser Ausstellung präsentiert das Museum Schloss Moyland erstmals eine repräsentative Auswahl aus seinem umfangreichen Fotobestand. Gezeigt wird ein breites Spektrum thematisch wie technisch höchst unterschiedlicher Arbeiten: Um 1900 entstandene Genrefotos Wilhelm von Gloedens zum Thema „Italien im 19. Jahrhundert“ sind ebenso zu sehen wie anonyme Pressefotos des Ersten Weltkriegs und Theaterfotos aus den 1940er Jahren. Aktionsfotos von Reiner Ruthenbeck zeigen ein Fluxus-Konzert mit Nam June Paik und Charlotte Moorman in der Kunstakademie Düsseldorf aus dem Jahr 1966. Einen persönlichen Akzent setzen Wilhelm Maywalds Künstlerporträts von Pablo Picasso, Georges Braque und Fernand Léger.
In den späten 1950er Jahren begannen die Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten auf Anregung Joseph Beuys’ Fotografien als einen besonderen Bereich der Grafik zu sammeln. Das erste Foto ihrer Sammlung war eine Feldpostkarte von Beuys’ Vater aus dem Ersten Weltkrieg. Beuys belieferte den Sammlungsbestand kontinuierlich bis zu seinem Tod mit Fotografien unterschiedlichster Themen und Techniken. Weitere Bestände kamen über befreundete Fotografen wie Willy Maywald, Hildegard Weber und Fritz Getlinger sowie befreundete Künstler wie Burkhart Beyerle, Erwin Heerich oder Rudolf Schoofs hinzu. Den größten Teil des Bestandes trugen die Brüder van der Grinten selbst zusammen. Insgesamt umfasst die Fotosammlung mit rund 20.000 Objekten ein Viertel der gesamten ehemaligen Privatsammlung van der Grinten.
Die beiden Themenschwerpunkte der Sammlung - gleichsam ihre beiden Pole - sind Fotografie als Gattung der bildenden Kunst einerseits sowie Fotografie als Medium der Dokumentation andererseits. Stets war und ist die Fotografie sowohl ein Abbild der Wirklichkeit als auch ein geformtes Gebilde. Somit belegt die Sammlung in ihrer historischen Dimension die Entwicklung des Fotos im Spannungsfeld seiner Etablierung als bildkünstlerisches Werk und seiner Verwendung als Mittel zur optischen Bewahrung des Gewesenen.
Die zentralen Funktionsbereiche der Sammlung sind die Kunst- und Theaterfotografie sowie die historische und dokumentarische Fotografie. In ihrer Frühzeit stand die Fotografie wegen ihres technischen Charakters unter einem hohen Legitimationsdruck. Aus dieser Phase stammt der umfangreiche Bestand an Stereofotos. Diese Fotos, die mit einem eigens dafür entwickelten Gerät betrachtet wurden, machten die fotografische Szene räumlich erlebbar. Sie waren in ihrer Zeit begehrte Sammlerstücke. Porträthafte Arrangements zeigen etwa Kostümfiguren von Fischern oder Handwerkern. Ein Beispiel dieser Genredarstellung sind die Arbeiten des Fotografen Wilhelm von Gloeden zum Thema „Italien im 19. Jahrhundert“. Sie inszenieren beschauliche Szenen des ländlichen Lebens als eine Art unberührte paradiesische Welt. Bekannt wurde von Gloeden vor allem durch seine Fotopostkarten, die überwiegend sizilianische „Jünglinge“ vor antiker Architektur zeigen. Neuartig war dabei die Anwendung der Freilichtaufnahme.
Während die Kunstfotografie versucht, die Fotografie von ihrer Anwendung als ‚objektiv’ wirklichkeitsabbildendes Medium zu lösen, zielt die dokumentarische Fotografie genau auf diesen Aspekt ab. Beispielhaft hierfür zeigt die Ausstellung eine Serie von Wassertürmen von Bernd und Hilla Bechers. Anders als in der Kunstfotografie wird hier keine unabhängige Bildwirklichkeit angestrebt. Vielmehr stehen Technik und Gestaltung im Dienst der Vergegenwärtigung des Gegenstandes selbst. Charakteristisch ist die Verwendung einer Großformatkamera, welche es ermöglicht, viele Details zu zeigen. Der Gegenstand wird zentral ins Bild gesetzt und von einem leicht erhöhten parallelen Standpunkt aufgenommen. Hier klingt ein Rückgriff auf die Mittel der Architekturfotografie des 19. Jahrhunderts an.
Die Künstlerporträts der Sammlung zeigen Fotografie als dokumentierte Kunst. Exemplarisch ausgewählt wurden Arbeiten Wilhelm Maywalds, in denen sich journalistische Live-Porträts mit inszenierten Personenaufnahmen aus dem Bereich der Modefotografie verbinden. Während Maywalds Tätigkeit als Modefotograf im Paris der Nachkriegszeit entstanden mehrere Serien von Künstlerporträts in ihren Ateliers. Bei seinen gestellten Porträts, deren räumliche Komposition sorgfältig ausgewählt ist, arbeitete Maywald häufig mit dem Prinzip der Parallelisierung. So setzte er etwa das Gesicht und vor allem die Augen Picassos auf einem Foto zwischen die seiner Keramikteller mit Gesichtern.
Der Bestand an Aktionsfotos dokumentiert und interpretiert Kunst als Ereignis. Die Aktionsfotografien Reiner Ruthenbecks von den Fluxus-Künstlern der 1960er Jahre sind ein Beispiel für dieses enge Zusammenspiel beider Aspekte. Als Relikte der vergangenen Aktion prägen diese Bilder heute entscheidend unsere Vorstellung von ihr.
Um das Verhältnis von Dokumentation und Inszenierung geht es auch in dem großen Bestand an Theaterfotografien der Sammlung. So zeigt der umfangreiche Bestand des Ateliers Rembrandt (Helsinki), das von den 1920er bis in die 1950er Jahre sämtliche Szenenfotos für das Theater Svenska Theatern i Helsingfors aufnahm, die Entwicklung der Theaterfotografie Mitte des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig gewähren diese Theaterfotos einen Einblick in die zeitgenössische Mode.
Der Aspekt der Zeugenschaft steht bei dem umfangreichen Bestand historischer Situationsfotos im Vordergrund. In diesem Bereich finden sich zahlreiche Kriegsfotos, vor allem Feldpostkarten, aus dem Ersten Weltkrieg. Es handelt sich dabei überwiegend um Amateurfotos, die als Dokument der Teilnahme an einer extremen Ausnahmesituation an die Angehörigen geschickt wurden. Hier tritt die Fotografie wieder in ihrer charakteristischen Funktion auf: als Medium des Gedächtnisses.
vdr
Photographien von 1855 bis zur Gegenwart aus der Sammlung van der Grinten. Bearb. v. Dorothee Wiethoff. Hrsg. Förderverein Museum Schloss Moyland e.V. 1996. 212 S., 160 Abb., EUR 18,40
ISBN 3-929042-00-5
 
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