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Bruno Taut. Alpine Architektur

Was macht ein Architekt, während des Ersten Weltkrieges, in einer Zeit, in der er nicht bauen kann? Er schreibt, er zeichnet, er skizziert Visionen, sammelt Ideen für eine Zeit danach, eine bessere Zeit nach dem Krieg.
Bruno Taut (1880-1938), einer der faszinierendsten Architekten des zwanzigsten Jahrhunderts, zeichnete 1918 keine Häuser zum Wohnen, nicht Glashäuser, wie er eines noch 1914, wenige Tage vor dem Ausbruch des Krieges, für die Kölner Werkbundausstellung hatte realisieren können, sondern eine menschheitsverbindende architektonische Vision: Den Ausbau der Alpen mit kristalliner Architektur. Zweckfrei sollte diese sein, "unpraktisch und ohne Nutzen". Als Gegenentwurf zu den vernichtenden Materialschlachten des Krieges sollte die Menschheit zusammenkommen, um an einem phantastischen Gemeinschaftswerk zu arbeiten, an einer gewaltigen Symbiose aus Kunst und Natur, einer architektonischen Utopie, die nach den Berggipfeln der Alpen übergreifen sollte auf Inseln und Kontinente und schließlich Planeten und Sterne.
In der Mitte Europas, dort, wo zuvor Schlachten ausgetragen wurden, sollten die Völker, statt zu zerstören, in gewaltigen gemeinsamen Anstrengungen sich selbst und ihre Schöpferkraft feiern und kristalline Paläste errichten. Was Nikolai G. Tschernyschewski und Paul Scheerbart zuvor literarisch ersonnen hatten, den Traum von der menschheitsverändernden Verwirklichung der Glasarchitektur, skizzierte Taut 1918 in dreißig Zeichnungen und Aquarellen. 1920 erschienen diese in einer aufwendig produzierten Buchausgabe in geringer Auflage im Hagener Folkwang-Verlag. Damals war diese Ausgabe ein verlegerischer Mißerfolg, lediglich von wenigen Rezensenten und Tauts Freunden der "Gläsernen Kette" wahrgenommen und in verschworenen Architektenzirkeln herumgereicht. Heute ist die Originalausgabe eine gesuchte Inkunabel der utopischen Architektur, für Bibliophile und Architekturhistoriker eine vielgesuchte Rarität.
Michael Schirren, Leiter der Abteilung Baukunst der Stiftung Archiv der Akademie der Künste in Berlin, hat das Auffinden und den Erwerb der Originalzeichnungen Bruno Tauts nun zum Anlaß einer Neuausgabe nach 85 Jahren genommen. Erstmals seit 1920 werden die Originalzeichnungen des Architekten, deren Existenz lange Zeit nicht bekannt war, neu reproduziert und erstmals ausführlich dokumentiert und erläutert. Aus der "Alpinen Architektur", der Vision einer Zeitenwende, einer Inkunabel aus den Jahren von "Arbeitsrat", Bauhausgründung und "Gläsernen Kette", ist somit eine architekturgeschichtliche Edition geworden. Dies ist Fortschritt und Verlust zugleich. Fortschritt, da erstmals der Korpus der Zeichnungen erschlossen wird und der aktuelle Forschungsstand in die Neuedition einfließt. Zugleich hat die "Alpine Architektur" mit dieser Edition ihre Unschuld verloren. Sie ist nicht länger ein großformatiges Mappenwerk, deren Blätter man ursprünglich nur einzeln aufschlagen konnte. So wie die Architekturutopien des Expressionismus Einzug in die kanonisierte Kunstgeschichte gefunden haben, ist auch aus der "Alpinen Architektur" ein domestiziertes Kunstbuch geworden, ein Buch, das es unmöglich macht, die Phantasmagorien der beispiellosen und ungemein freien architektonischen Visionen ohne Erläuterungen von heute und ohne den editorischen Apparat zu bestaunen. Eine Alternative bietet die parallele Edition als luxuriöse und limitierte Liebhaberausgabe; doch sie dürfte heutzutage kaum mehr Käufer finden als einst.
Rainer Stamm
Schirren, Matthias: Bruno Taut: Alpine Architektur. A Utopia /Eine Utopie. 120 S., 80 fb. Abb., 30 cm., Kt Prestel, München 2004. EUR 34,95
ISBN 3-7913-3156-6
 
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