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Ed van der Elsken: Sweet Life, Fotografie+Film 1949-1990

Paris war anfangs der 1950er Jahre Zentrum und Ausgangspunkt des Existentialismus, jenes gedanklichen von Jean-Paul Sartre und Albert Camus und eines Lebensstils, der allem Anschein nach darauf gründete. Deren Protagonisten waren junge Menschen, schwarz gekleidet, in Rollkragenpullovern, die Mädchen in engen Hosen, Bebop tanzend und Juliette Greco bewundernd. Sie repräsentieren - vor allem von außerhalb betrachtet - eine neue Boheme, die weder an den Katastrophen und Verstrickungen der Vergangenheit interessiert war, noch sich an der zunehmenden Aufbruchstimmung erwärmen mochte. Es war ein Protest der Verweigerung nach allen Seiten hin, grenzenlos ebenso in der Ablehnung wie in der Desorientierung.
Die bürgerliche Welt betrachtete diese Bewegung aus gemessener Distanz, gleichsam vom Logenplatz aus, der die Sicht auf Theaterstücke wie "Der Ekel" von Sartre ermöglichte. Außerhalb der französischen Metropole degenerierte der Existentialismus vielfach zu einer Mode in den Diskussionen intellektueller Zirkel und für die Kleiderordnung von Jugendlichen. Beiden Gruppen gemein waren die Sehnsüchte in einer Zeit des Umbruchs, die nach anderen Formen des Denkens und Lebens suchte.
Diese Vorstellungen stützte ein holländischer Fotograf, Ed van der Elsken (1925-1990) mit einem Fotobuch, das 1956 in drei Sprachen in Amsterdam, Hamburg und London erschien und in der deutschen Ausgabe den Titel "Liebe in Saint Germain des Prés" trug. Er hatte die Besucher der Cafés und Jazzkeller, vagabundierende junge Leute ohne Arbeit, Studenten und Freunde fotografiert und aus den bildlichen Ergebnissen eine fiktive Liebesgeschichte konstruiert. Diese erzählt von den Zufällen der Begegnungen, von ausweglosen Situationen, freier Liebe und den persönlichen Befangenheiten. Die Darsteller blicken oftmals mit verhangenen Augen auf eine Gegenwart, die ausschließlich im fotografischen Moment aufgehoben scheint. Zudem enden ihre Blicke an der undurchdringlichen Schwärze, mit der die Abbildungen in den damaligen Ausgaben eingerahmt waren.
Eine solches Layout wurde ebenfalls für den Katalog gewählt, der anläßlich einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg erschienen ist. Darin wird das gesamte Schaffen des Fotografen nachgezeichnet, der als Bildjournalist zahlreiche Länder der Erde bereiste und später als Autor von Filmen hervortrat. Für das Publikum von heute wirkt dieserart Inszenierung unzeitgemäß, doch van der Elsken’s Art, auf Menschen zu schauen, hat sich zeitlebens kaum geändert. Man hat immer das Gefühl, er befinde sich mitten unter ihnen. Es ist der Standpunkt einer sich humanistisch gebenden Live-Fotografie der Nachkriegszeit, der insbesondere bei den späteren Farbaufnahmen eher ungewöhnlich anmutet.
Wohl deshalb wurde eine kleine Auswahl dieser bunten Bilder an den Anfang des Bandes gestellt, noch vor das Titelblatt, und darüber hinaus versuchen die affirmativen Texte mehrerer Kommentatoren beredt den Eindruck eines durchgängig erfolgreichen Fotografendaseins zu erwecken. Doch nach den 60er Jahren ist Ed van der Elsken international kaum mehr in Erscheinung getreten. Allerdings wird sein Bild vom Paris der 50er Jahre auch in Zukunft die Vorstellungen von der Stadt prägen, selbst wenn die Aufnahmen nur einen kleinen Teil seiner Bevölkerung vorstellen.
Timm Starl
Ed van der Elsken. Fotografie + Film 1949-1990. 192 S. 149 Abb., davon 16 fb., 133 in Duplex 30 cm. Pb Hatje Cantz, Ostfildern, 2000. EUR 35,00
ISBN 3-7757-0919-3
 
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