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Der neue Pinocchio - Illustriert von Antonio Saura.

Was lässt sich zu einem Buch sagen, das allseits gelobt (werden) wird?

Pinocchio: die Holzpuppe mit der Nase oder die Nase mit der Holzpuppe? Die Nase mit der Holzpuppe – denn die führt um Vorder- und Rückseite des Einbandes jenes „Neuen Pinocchio“, den (diesmal) Antonio Saura (1930 – 1998) illustrierte. Musste ein solches Gesicht nicht irgendwann für jemanden, der sich intensiv mit Masken und Köpfen beschäftigt hatte (besonders eindrucksvoll:„Veinte Cazebas/Zwanzig Köpfe“, 1960/61), graphisch-illustrative Herausforderung werden? Wie Saura dann die Geschichte von Pinocchio (verstanden und) illustriert hat, sagt er uns in diesem Buch in seinen „Anmerkungen des Illustrators“: als „langen Leidensweg“, bei dem „gegen Ende Hoffnung und eine Hommage an ein neues Leben zum Zug“ kommen. Und so zeichnet er die in 35 Kapiteln geschilderten Abenteuer Pinochhios - mit lavierter Tusche, expressiv, frisch-plakativ schwarz-weiß und farbig und dies alles manchmal doppelseitig - ein Augenschmaus:

Von Miro, Picasso und Comics inspiriert, können Sauras Figuren kein bloßes Inhalts-Abbild sein; die kindhaft und zugleich (sehr) abstrakt wirkenden Zeichnungen leben aus und durch ihre minimalistisch-substantielle graphische Reduktion. Und Saura zeigt sich als Meister der Reduktion, in den Varianten vom Strichmännchen bis zum bedrohlich aufgeblasenen Tier, das uns aus dem Buch entgegenzuspringen scheint. Eine –Saura-spezifische?- verhaltene Skepsis scheint aus vielen dieser Illustrationen zu sprechen, die den Betrachter ein wenig auf Distanz hält, ihm Distanz ermöglicht. Und gelegentlich eingeschobene spermienartige Gesichts-Körper verstärken dieses Gefühl, regen aber auch an: sind dies vielleicht Hinweise auf die Menschwerdung Pinocchios oder die Wiedergeburt, ja „Auferstehung“ seines Vaters aus dem Bauch des Wales? So erwächst aus Distanz hier auch ein Angebot an die eigene Phantasie und deren Spiel-Räume.

Aber wie war das doch, kurz vor dem Ende seines Leidensweges: “Wo ein Weg rein führt“, rief Pinocchio, „da führt auch ein Weg raus!“ – wir wollen seine Botschaft behalten. So ist es dann auch nicht der leicht verkniffen-nachdenklich wirkende Pinocchio des Einbandes („cover“) der hier schließlich triumphiert (und, so verstanden, nicht dorthin gehört), sondern der doppelseitig vor (bei Saura: verhaltener) Freude in die Luft springende Pinocchio der letzten beiden Seiten. Er zeigt uns den Triumph des Optimisten, des Erfahren Gewordenen über die Gaunereien oder Lethargie der Lebenden, auch den Sieg über die eigene Angst. Es ist dieser Erkenntnisweg, den Saura subtil, aber auch sehr abstrahierend illustrierend begleitet: ein Kinderbuch für ziemlich erwachsene Kinder – Saura hatte es für seine damals zweijährige Enkelin illustriert- und für Erwachsene, die sich durch die Illustrationen eines leisen Skeptikers zum Staunen und Fragen bringen lassen können - und wem gelingt das heute schon und noch ?

Der lange editorische Weg dieses „Pinocchio“ soll nicht vergessen werden:
Christine Nöstlinger hat ihren humorvoll-sprachgewandten „Neuen Pinocchio: die Abenteuer des Pinocchio neu erzählt“ 1988 veröffentlicht (Weinheim: Beltz und Gelberg); illustriert hatte ihn damals Nikolaus Heidelbach. Antonio Saura war vom Text der im gleichen Jahr erschienenen spanischen Ausgabe so begeistert, dass er ihn (während seiner Beschäftigung mit Pinocchio-Ausgaben von 1990 – 1992) der von ihm geplanten Pinocchio-Illustration zugrunde legte: Nöstlinger/Sauras „La aventuras de Pinocho“ erschien dann 1994 in Barcelona in spanischer Sprache (Galaxia Gutenberg/Circulo de Lectores), wurde ein großer Erfolg und vom Spanischen Kulturministerium als schönstes Kunstbuch des Jahres ausgezeichnet. Nach 16 Jahren – der Herausgeber berichtet in einer Anmerkung über die Schwierigkeiten- hat der Kunstbuchverlag Hatje/Cantz nun eine deutsche Ausgabe publiziert; auch eine französische liegt nun vor.

25.10.2010
Wolfgang Schmidt Berlin-Friedenau
Hrsg.: Archives Antonio Saura; Text Nöstlinger, Christine; Pinocchio; 304 S.; 200 fb. Abb.; 24 x 22 cm; Ln.. Hatje Cantz, Ostfildern 2010. EUR 49,80; CHF; 88,00
ISBN 978-3-7757-2709-9
 
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