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Sommerschnee und Wurstmaschine

Das Buch „Sommerschnee und Wurstmaschine“ ist eine Einführung in die Welt der aktuellen Kunst. Die Autoren dieser Gemeinschaftsarbeit sind der Chefkurator am Museum für Moderne Kunst in Warschau, Sebastian Cichocki, also einem Fachmann für zeitgenössische Kunst, der für die Texte sorgt, und die Grafiker Aleksandra und Daniel Mizieliński, die bereits einige ausgezeichnete Kinderbücher gestaltet haben. Und auch „Sommerschnee und Wurstmaschine“ wurde von den Rezensenten und der Fachwelt bereits mit viel Lob versehen und jetzt für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch nominiert.
Und wirklich ist das Buch, das einundfünfzig Künstler der Nachkriegszeit vorstellt, in vieler Hinsicht sehr gelungen: Zunächst ist die Auswahl der Künstler besonders, da Künstler, die mit traditionellen Gattungen wie Malerei, Skulptur und Fotographie arbeiteten, gemieden werden: Hier gibt es kein Warhol, kein Rauschenberg oder Kiefer, sondern Künstler, die sich nicht oder nur zur Dokumentation in Galerien und Museen bewegten wie Richard Long, Alan Sonfist oder die Christos, also solche Künstler, deren Werk gemeinhin als schwer verständlich gilt und möglicherweise in seinem Kunstsein angezweifelt wird. Mit sehr kurzen, aber prägnanten Texten schafft der Autor es, dem Leser diese Kunst nahe zu bringen. Es gibt hier Fakten zu Künstlern, die Hintergründe zu einem herausragendem Werk zu finden und darüber hinaus noch Wege der Annäherung an zeitgenössische Kunst. Die Grafiken unterstützen dabei das Vorgehen: Sie zeigen den Künstler, sein Werk im Galerie- oder Museumskontext und noch eine Reihe von Betrachtern, also Identifikationsfiguren, die das Werk bestaunen und kommentieren. Diese auf Kinderproportionen zurecht geschrumpfte Galerien- und Museumsbesucher sind dabei typisiert und amüsant anzuschauen. Alles in allem ist es also ein kurzweiliges Buch, das noch mit ein wenig Faktenwissen – einem kurzen Lexikon zu den „neuen“ Werkarten wie Installation, Performance, Ready-made, Assemblage etc. und einer kurzen Entwicklungsgeschichte zur Nachkriegskunst – ergänzt wird.
Und doch stellt sich nach einiger Zeit eine Art Langeweile beim Lesen der geistreichen Texte ein, denn die Art, sich der einzelnen Arbeit zu nähern, wiederholt sich: Es ist das Staunen über die Kunst und die Neugier, die die Autoren ansprechen. Aber in dem immer gleichen Staunen werden dann das einzelne noch so interessante Werk und die Geschichte dahinter plötzlich beliebig. „Es gibt eine Menge langweiliger, manchmal sogar richtig dämlicher Kunst…darum geht es in diesem Buch – um die Suche nach interessanter Kunst mit Köpfchen,..“ schreibt der Autor in seinem Vorwort und überlässt dann dem Leser sich allein. Denn wir erfahren nichts über die Kriterien, die Cichocki für „interessante Kunst“ aufgestellt hat. Wir erfahren auch nichts darüber, wie die von ihm vorgestellte Kunst ästhetisch funktioniert. Es wird zwar häufig erwähnt, dass sich das Künstlerbild veränderte, aber wieso es so viele Künstler gibt, die an ihrer eigenen Künstleridentität arbeiten, erfahren wir auch nicht. Ebenso bleibt im Dunkeln, warum die Künstler keine Objekte mehr schaffen müssen, wer enthebt sie eigentlich davon „porträtieren oder tonmatschen“ zu müssen, wie uns der Autor im Vorwort erklärt? Ist die Abwendung vom klassischen Material und Gegenstand denn wirklich der Entwicklung der Kunst immanent oder liegt der Grund dafür in der materiellen Unabhängigkeit des zeitgenössischen Künstlers, der sich eher um Stipendien bewerben muss, als seine Objekte zu verkaufen? Wie überleben die heutigen Künstler überhaupt und wer finanziert ihnen ihre so wunderbar mächtigen Werke, wie Metallstangen in der Wüste oder gigantische Molen in Salzseen? Kurz gesagt, es gibt viel mehr Fragen und viel mehr Zusammenhänge in der aktuellen Kunst als das Staunen über das einzelne Werk. Und auch wenn das Staunen über Kunst legitim und sicherlich der erste Schritt der Annäherung ist, sollte ein Kinderbuch auf dieser Ebene stehen bleiben? Ich denke nein, denn es erzieht doch die Kinder zum reinen Kunstkonsum: Rein ins Museum oder die Galerie, staunen und begeistert sein, und danach den Belohnungskuchen im Museumskaffee. So bleibt Kunst egal welcher Gattung, was sie momentan ist, eine Ersatzreligion, Opium fürs Volk und damit irgendwie langweilig und eigentlich genauso konventionell wie das Ölgemälde an der Wand.

22. Juni 2014
Vera Herzog
Sommerschnee und Wurstmaschine. Sehr moderne Kunst aus aller Welt. Cichocki, Sebastian. Illustriert von Mizielinska, Aleksandra; Mizielinski, Daniel. 216 S. Pappe. Moritzverlag. Frankfurt am Main. 2013 EUR 19,95. CHF 27,90
ISBN 978-3-89565-260-8
 
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