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Karolus Magnus. Karl der Große und seine Zeit.

Dieses Buch entstand aus einer Diplomarbeit im Fachbereich Design. Der Autor und Gestalter Günther Jakobs erzählt in vielen bunten Bildern und kurzen Texten die Entwicklung Europas unter der Herrschaft Karls des Großen und seinen Einfluß auf die nachfolgenden Generationen.
Doch der Autor holt zunächst weit aus. Zur Einstimmung erhält der junge Leser eine doppelseitige und zudem ausklappbare Zeitleiste von der Antike bis 1990. Man fragt sich allerdings, wozu diese Unterweisung gut sein soll, da sie nur in überaus kurzen Sätzen durch die Epochen eilt, begleitet von zusammenhanglos eingestreuten Bildchen. Klappt man das vierseitge Tafelwerk zu, geht es dann mit Karl dem Großen los. Er trägt einen Schnauzbart, der dem Dali's verdächtig ähnlich sieht, der Rest seines Bartschmuckes ist etwa drei Tage alt und auch auf dem Umschlagbild sieht der Herrscher im Fellumhang mit Schwert und Schlappmantel eher hilflos aus. Auf der folgenden Doppelseite wird aber zunächst von den Römern erzählt, gefolgt von der Völkerwanderung und auch über Byzanz werden einige Worte gesagt und ein Bild der Hagia Sophia gezeigt. Anschließend kämpfen wilde Reiter gegen "die Araber, die ganz Europa bedrohten. Maßgeblich beteiligt an diesem entscheidenden Sieg über das muslimische Heer in Spanien waren die karolingischen Panzerreiter". Bei solchem Text und solchen Bildern kommt für jedes Kind richtig Freude auf, lernt es doch, wie toll es ist, Krieg zu führen. Aber immerhin erfährt man auch, dass sich in Spanien ein tolerantes Neben- und Miteinander von Muslimen, Juden und Christen entwickelte.
Dann endlich tritt der Kaiser auf. Doch dieser sieht so gar nicht kaiserlich in seiner mittelalterlichen Gewandung aus, eher wie einer, der zur Frühschicht bei Opel antritt. Doch soviel Arbeit hat er wohl auch nicht gehabt, denn der kindliche Leser erfährt, dass Karl jede Menge Frauen gehabt hat.
Doch dann geht es gleich wieder um den Krieg und es wird auf den weiteren Seiten auf Teufel komm raus erobert und geplündert. Die Guten, das sind wir und die Bösen, das sind die anderen. Auch die Bayern hatten nichts zu lachen. Das nächste doppelseitige Bild zeigt Karl den Großen inmitten zahlloser Krieger, bereit zur Schlacht, doch sitzt er etwas ratlos blickend zu Pferde. Das muß er auch, denn er trägt keine Waffen und wird die anderen Männer vorgeschickt haben müssen.
Nach den siegreichen Schlachten und dem siegreichen Christentum folgt die Kaiserkrönung, nicht ohne zu berichten, dass Karl zunächst Papst Leo III aus der Patsche hat helfen müssen, dem man einige Verbrechen nachgesagte. Die Kaiserkrönung gefiel den Byzantinern weniger, aber das machte gar nichts, und so durfte Karl sich fortan "Imperator" nennen und sein Konterfei auf Münzen drücken sowie Grund und Boden verteilen. Wer nicht zu den Glücklichen gehörte, erhielt zwar Schutz, mußte dafür aber Frondienste leisten und von seiner Ernte abgeben.
Aber wenigstens die Bildungsreform hatte für Alle etwas Gutes, denn es entstanden viele Klöster. Die Mönche besiedelten das Land, schrieben viele Texte auf, erfanden die Musik neu und bauten große Kirchen. Der Kaiser ließ zahlreiche Pfalzen errichten, damit er es überall, wo er nach dem Rechten sah, auch bequem hatte. Besonders in Aachen gefiel ihm der Aufenthalt. Kurz bevor er starb - an Rippenfellentzündung!- verteilte er sein Reich an seine Söhne. Und obwohl es mit dem Karolingerreich nicht besonders gut weiterging, verehrten ihn seine Nachfolger über alle Maßen und ahmten ihn nach. 400 Jahre nach seinem Tod baute man ihm einen besonders schönen Schrein und 1950 stiftete die Stadt Aachen in seinem Namen einen Preis, der nun die Verdienste berühmter Leute, die zur europäischen Einigung beigetragen haben, belohnt, wie z. B. Konrad Adenauer und Bill Clinton. Am Schluß gibt es noch ein Glossar und ein Personenregister, sowie ein Angebot an weiterführender Literatur, das allerdings für Kinder weniger geeignet sein dürfte.
Zugegeben, es ist schwer, ein Bilderbuch über Karl den Großen zu machen, auch deswegen, weil aus dieser Zeit kaum sichere Quellen existieren, darum wirken die Illustrationen von Anfang bis Ende irgendwie falsch, wenn nicht gar lächerlich. Der Kaiser, siegreicher Krieger und Frauenheld, sieht aus wie ein netter Bauer. Kein Glanz geht von ihm aus, seine Kleidung trägt keine prachtvollen Farben. Auch an der Speisetafel sitzen nicht etwa Fürstinnen und Fürsten, sondern Leute wie Du und Ich, und die Krieger und Ritter sehen aus, als spielten sie Minigolf. Auch Bonifatius hat einen Gesichtsausdruck, als wenn er sich bei der Donnareiche entschuldigen würde, dass er sie nun leider fällen muß. Und zur Sitzhaltung und Gebärde Kaiser Karls auf seinem Thron, hätte meine Mutter gesagt; "setz dich ordentlich hin, mein Junge, und mach nicht so ein gelangweiltes Gesicht". Irgendwie drängt sich der Verdacht auf, dass die Autoren zwar lustvoll und durchaus mit gestalterischem Talent ans Werk gegangen sind, sich aber um den Geist der Zeit weniger Gedanken gemacht haben.
Gabriele Klempert
Jakobs, Günther: Karolus Magnus. Karl der Große und seine Zeit. 38 S., durchg. fb. 30 cm. Pb., Einhard, Aachen 2003. EUR 12,80
ISBN 3-936342-26-1
 
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