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Der Sturm. Zentrum der Avantgarde.

„Der Sturm“, jenes von Herwarth Walden seit 1910 geleitete Doppelprojekt aus Zeitschrift und Galerie, war eine Mischung aus Institution, Marktplatz und Unternehmen, ohne die die Klassische Moderne in ihrer durchschlagenden Wirkung nicht zu verstehen ist. Wunderbar daher, dass das Wuppertaler Von der Heydt-Museum dem „Sturm“ als Gesamtphänomen nun eine große Ausstellung widmet. Und folgerichtig, dass sich die Kritik weithin positiv über deren Idee und Durchführung gezeigt hat. Begleitend zur Schau ist ein zweibändiger Katalog erschienen, der hier angezeigt werden soll. Ihn allein – und eben (leider) nicht die Ausstellung – hat der Rezensent gesehen. Und was er sah, das spiegelte die anderswo vermerkte Begeisterung nur bedingt wider. Ein biederer, an die 1980er Jahre erinnernder Schutzumschlag. Ein selbstgebackenes Layout mit Miniaturschrift. Textbeiträge mit Redundanzen, Wiederholungen, Überschneidungen. Und eine generell etwas kleinliche thematische Fokussierung: Wuppertal, immer wieder Wuppertal, die Kulturmetropole an der holländischen Grenze, deren Schlüsselrolle im Weltgeschehen man ja durchaus wohlwollend prüfen – aber schlussendlich doch nicht glauben möchte.
Zunächst: Ein professioneller Verlag zur Betreuung des Buchprojekts wäre sicher nicht verkehrt gewesen. Dann: Ein wenig weniger missionarisches Sendungsbewusstsein im Sinne der Heimat hätte den Wuppertalern gut getan. Natürlich erscheint die Stadt, ist man zur Arbeit in ihr gefangen, als Nabel der Welt. Aber schon von Velbert, Radevormwald, Remscheid oder Ennepetal aus lässt sich leicht erkennen, dass die Welt über den Nabel hinausreicht. Warum also hat man diesen kolossalen (ja durchaus repräsentativen) Backstein von einem Buch (gemeint ist hier immer Band 2, da Band 1 im Wesentlichen nur die Abbildungen der in der Ausstellung gezeigten Kunstwerke enthält) nicht befreit von den vielen Texten über Wuppertal? Warum hat man sie nicht gleich zusätzlich befreit von den Beiträgen über das Berliner Kunstleben um 1910, in das „Der Sturm“ einzuordnen ist, das aber als bekannt vorausgesetzt werden kann. Zudem: Gab es keine Möglichkeit, die fünf englischen Texte (von insgesamt 30 Aufsätzen) ins Deutsche zu übersetzen, um eine sprachliche Einheit herzustellen?
Schließlich (hier kommt der Verlag wieder ins Spiel): Auch ein schärferes Lektorat wäre wünschenswert gewesen. Das beginnt bereits beim Konzept, das in der vorliegenden Fassung, sagen wir es freundlich, sehr locker gestrickt wirkt. Es funktioniert etwa nach dem Motto „’Der Sturm’ und…“. So finden sich Texte über den „Sturm“ …und Belgien, ….und Holland, …und Österreich, … und die Russen, … und die Polen, …und die Tschechen, …und die Juden, …und Amerika, …und…und…und. Diese Reihung hat eine seltsame Wirkung, die verwirrt. Man begreift, dass der „Sturm“ die Kunst der Klassischen Moderne um die halbe Welt gewirbelt hat und sich keiner diesem Rausch entziehen konnte. Allerdings werden dabei Dinge von äußerst unterschiedlicher Bedeutung nebeneinander gestellt – und zwar in einer Bedeutungsperspektive, die sie gleichrangig erscheinen lässt. Vorschlag: ein, zwei, drei Überblickstexte zu „Der Sturm im internationalen Kontext“. In diese stärker konzeptuell durchgearbeitete Richtung geht beispielsweise Andrea von Hülsen-Eschs Beitrag über Herwarth Walden als „Unternehmer“. Hier wird eine Fragestellung formuliert, die über das erwartbare „Der Sturm und die anderer Galerien der Zeit“ klar hinausreicht. Hier nähert man sich als Leser den vielschichtigen Motivationen dieses kunstbesessenen Menschen, der nicht nur Selbstdarsteller („Walden“: nach Thoreaus romantischer Weltflucht in die Wildnis) und Mediator, Publizist und Bonvivant, Galerist und Kulturpolitiker war, sondern selbstverständlich auch Geld verdienen wollte, um zu leben. Mehr Texte in dieser Richtung hätten dem Buch gut getan – nicht zuletzt, um die Begeisterung, die die Ausstellung nur über wenige Wochen Dauer versprühen kann, in das dauerhafte Medium Katalog zu überführen.

07.06.2012
Christian Welzbacher
Der Sturm. Zentrum der Avantgarde; Von der Heydt-Museum Wuppertal, [Ausstellungskatalog = Bd. 1]. Hrsg.: Birthälmer, Antje; Finckh, Gerhard. 359 S. Gb. Verlag von der Heydt Museum, Wuppertal 2012. EUR 25,00
Band 2: ISBN 978-3-89202-082-0
ISBN 978-3-89202-081-3
 
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