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Der Flug der Biene Maja

467 Seiten Biene Maja. Das über zwei Millionen Mal verkaufte Buch (1912), der kaum bekannte Stummfilm (1926), unveröffentlichte Drehbücher (1941, 1952), Hörfassungen (1960-2003), die populäre Zeichentrickfilm-Serie (1976-1980). Auf inhaltlich-medienspezifische Ähnlichkeiten und Unterschiede hin ausführlich analysiert und überbordend detailliert dokumentiert. Doch so gewinnt eine empathische, durch Erfahrungen reifende Biene Maja 1912 ihren mehrdimensionalen Charakter: Ihr auch in feindlicher Umgebung praktiziertes christlich-humanistisches, ja doch, Menschen-Bild auf der Hintergrundfolie des Primats des Gemeinwohls vor ihrer individuellen Selbstverwirklichung. Dieses Gemeinwohl ist in Bonsels nicht realisiertem (hier erstmals veröffentlichtem) Zeichentrick-Drehplanentwurf von 1941 ideologisch fest okkupiertes Terrain. Und eine eindimensional-statische, nicht empathisch-kriegerische Biene Maja, wie alle Drehbuch-Figuren, nun alleine blankem Freund-Feind-Denken verpflichtet; Kriegspropaganda. Thea von Harbous antikommunistische Bienen-Sicht von 1951 (nachzulesen in einem hier ebenfalls erstmals veröffentlichten nicht realisierten Drehbuchtentwurf) überrascht dann nicht mehr so sehr.

Mit diesem Drehbuchentwurf wird eine Erzählstruktur fortgeführt, die alle späteren medialen Fassungen dieses Stoffes bestimmen wird. Neu ist sie nicht – findet sie sich doch schon in dem von Bonsels mit verantworteten „Biene Maja“-Stummfilm von1926 (vom Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin, 2002 wieder aufgefunden und dort 2005 rekonstruiert/ restauriert): Die Biene als relativ statischer Charakter in einer inhaltlich um Themen wie Leid, Sterben/Tod abgespeckten und gleichzeitig um Abenteuer erweiterten Erzählfassung. Sie bestimmt noch heute, durch die auch international so erfolgreiche Ausstrahlung der ZDF-Zeichentrickserie (1976-1980, zuletzt 2009), unsere Maja-Wahrnehmung. Aus der „Biene Maja und ihre Abenteuer“ sind die „Abenteuer der Biene Maja“ geworden – und ihre hier für die Zeichentrickserie konstatierte „Problemlösungskompetenz“ (Weiss) dürfte ohne die sozialpädagogischen Diskurse der siebziger Jahre kaum denkbar sein. Sodass aus dem in Bonsels` Eigenverständnis eines „Märchens“ für Erwachsene und Kinder von 1912, vorbereitet mit seinem Stummfilm von 1926, nun ein jeweils zeitspezifischen Inhalten angepasster Kindermedienklassiker geworden ist. Welche –zeitgenössischen - Inhalte in der für 2013 geplanten Computeranimation und dem für 2014/2015 vorgesehenen Kinofilm transportiert werden, wissen wir nicht. Aber schon jetzt, dass auch diese Fassungen, wie seit der Zeichentrickserie üblich, optimal vermarktet werden (bisher als Puzzle, Comic, Musical, Theaterstück). Das jedoch war nicht mehr Thema dieser Fleiß-Arbeit. Und die bietet für die noch ausstehende Übersicht und Analyse zur deutschen und, besonders, internationalen Rezeption der Maja-Erzählung deshalb eine optimale Grundlage, weil ihre breite analytische Basis als methodischer Ansatz zu überzeugenden differenzierenden Betrachtungen führt, die vielleicht auch die Neigung künftiger Rezeptionsadepten zu einseitigen, auch weil vermeintlich politisch korrekten Interpretationen, mindert.

Wir wünschen der Biene Maja einen guten Weiterflug zu künftigen Abenteuern und in künftige(n) Medien. Im E-Buch, neu illustriert, ist sie in ihrem Jubiläumsjahr 2012 bereits angekommen (Random House). Auf ihren Rückflug in einen Reprint der ersten Auflage (1912) oder illustrierten Ausgabe (1920) warten wir noch.

20.11.2012
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Weiß, Harald. Der Flug der Biene Maja durch die Welt der Medien. Buch, Film, Hörspiel und Zeichentrickserie. Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv München 83. X, 470 S. 1 Abb. 24 x 17 cm, Gb., Harrassowitz, Wiesbaden 2012. EUR 68,00
ISBN 978-3-447-06572-6   [Harrassowitz Verlag]
 
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