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BEUYS - in der befremdlichen Welt

Ein Jahr vor seinem Tod 1986 formulierte Joseph Beuys in einer öffentlichen Diskussion: „ …..Es ist überhaupt zu sagen, dass vieles rätselhaft ist. Also dass man sich in die Bilder, Formen und gestalten hineinbegeben muss. Die liegen ja überall vor, diese Rätsel. Wer weiß denn, was ein Stiefmütterchen ist.“ Die vielen Rätsel, die unendlich verschlungenen Traditionsbezüge, die Versuche, andere, substantiellere Wege zwischen Kunst und Leben, Gesellschaft und Freiheit zu etablieren, der lebenslange Versuch zwischen Geist und Materie Bilder und Gegenbilder zu formulieren – alle diese Phänomene gelangen in dem umfangreichen Band Joseph Beuys. Zeichnungen 1945 – 1986. Die Sammlung Klüser zur Anschauung. Dieter Koepplin, der versierte langjährige Beuys-Kenner und die junge Kuratorin Magdalena Holzhey haben sich mit bewundernswerter Akribie und Hingabe dem Konvolut aus ca. 150 wundervollen Zeichnungen gewidmet, die der Sammler Bernd Klüser erstmals in der Münchner Pinakothek der Moderne um die Jahreswende 2012/2013 ausstellte. Joseph Beuys, das macht dieser Band wieder einmal mehr überdeutlich, operierte als gleichsam schamanistischer Wandler, der archaische Begriffe und politische Phänomene, Substanzen der Imagination und Materialien der Kunst, Motive des ewigen Wandels und Momente des Sterbens in einen großen scheinbar zeitlosen Zusammenhang bringen konnte und bei dem sich unter der Hand alles veränderte, das mit dieser Form von ästhetischer Intelligenz in Berührung kam. Was dieser opulente und für jeden Beuys-Kenner eminent wichtigen Band allerdings auch deutlich werden lässt, ist die grundsätzliche Frage, wie man sich heute, knapp drei Jahrzehnte nach dem Tod des Künstlers, der Aktualität seiner Botschaften stellen will oder nicht. Die Zahl der Beuys-Literatur ist heute so groß, dass man inzwischen – überspitzt gesagt – von einer Beuys-Wissenschaft sprechen könnte. So verdienstvoll und aufregend dieser hervorragend editierte Band der Beuys-Zeichnungen auch gemacht ist – er lässt auch die Grenzen eines kunstwissenschaftlichen Blicks der beiden Autoren erkennen, ein Blick, dem es zwar perfekt gelingt, die Rätsel von Beuys in ihren feinsten Verästelungen zu verfolgen, der es aber eigentlich nicht wagt, die imaginären Energien dieses fast unübersehbar tiefen Werkes selbstständig auf ihre Zeitgenossenschaft hin zu aktualisieren oder dieses zumindest als Problem zu benennen. Wie humorvoll und auffordernd-frech hieß es doch bei Beuys: „Wer weiß denn, was ein Stiefmütterchen ist … .“ Die „befremdliche Welt“ (Gottfried Boehm) des Joseph Beuys bleibt immer wieder neu zu entdecken.

02.01.2013
Michael Kröger / Marta Herford
Beuys, Joseph. Joseph Beuys - Zeichnungen 1945-1986. Die Sammlung Klüser. Katalogbuch zur Ausstellung in der Pinakothek der Moderne, München. Schirmer & Mosel, München 2012. 180 fb. Abb. 32 x 24 cm. Gb. EUR 98,00 CHF 128.00
ISBN 978-3-8296-0624-0
 
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