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Balkan Memories

“Writing Art History from a national point of view” lautet der schlichte Titel eines Aufsatzes im hier angezeigten Band. Die Autorin, Renata Novak Klemencic von der Universität Ljubljana, referiert, wie die italienische und die kroatische (jugoslawische) Kunstgeschichte im Verlauf des 20. Jahrhunderts versuchte, sich jeweils die Kunst Dalmatiens einzuverleiben. Mehrere Aspekte dieses knappen Textes sind bedenkenswert. Zunächst: Wie frühzeitig die Konzepte von „Kulturlandschaft“ und „Kunstgeographie“ genutzt wurden, um einer geopolitischen Arrondierung Vorschub zu leisten – auf Deutsch: interpretieren wir die vergangene Kunst eines Weltteils für „unsrig“, so haben wir alles Recht, in der Gegenwart auch das Land zum „Unsrigen“ zu machen. Dann: Wie die einmal in Umlauf gebrachten „wissenschaftlichen Erkenntnisse“ ihr Eigenleben entfalten, immer wieder zitiert, nicht mehr hinterfragt werden. Schließlich: Wie wenig Westeuropäer über diese Phänomene des Balkans wissen.
Der Balkan ist und bleibt ein Paradigma. Hier ist das Fremde das Eigene, das Richtige das Falsche, und das Wahre die Lüge und umgekehrt. Der Balkan bleibt deshalb ein Paradigma, weil die Menschen jenseits des Balkans glauben, die immer neue Umwertung der Werte betreffe sie nicht. Das ist natürlich naiv, ja sogar dämlich. Denn das, was gemeinhin als „Balkan“ definiert wird – der Clash of Civilisations en miniature – findet nicht zu beiden Seiten einer Gebirgskette zwischen Wien und Athen statt, sondern auf der ganzen Welt. Der Balkan sind nicht die anderen, sondern wir selbst.
Daher ist es wichtig und wunderbar, dass die Herausgeberin Tanja Zimmermann in ihrem Band diese vielen Stimmen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens zusammengetragen hat, die sich mit dem wohl zentralsten Strategiefeld postnationaler, postdemokratischer, postsozialistischer Symbol- (und Real-)politik auseinandersetzen: der Geschichtspolitik. Die 24 Beiträge des Sammelbandes tun dies auf unterschiedliche Art, dabei immer prägnant und gut lesbar. Unter den vorgestellten Medien der Geschichtskonstruktion spielt neben der Literatur, dem Film, der Zeitung, dem Fernsehen und der Geschichtsschreibung auch die Kunst eine zentrale Rolle. Da ist einerseits das Beispiel der Museen, deren Präsentationen mit dem Zerfall Jugoslawiens und der Neugründung der Nationalstaaten überschrieben wurden. Da ist andererseits das Beispiel der Denkmäler, im vorliegenden Band ein slowenisches Exempel, das Monument für den 1942 ermordeten Partisanen Joze Lacko, das im Oktober 1992 vom Hauptplatz der Kleinstadt Ptuj auf einen Friedhof in der Peripherie wanderte, da die postjugoslawische Erinnerungskultur mit der jugoslawischen Konstruktion des Partisanen-Helden zu hadern begann.
Nichts anderes passiert in Deutschland heute, zumal in der mit Denkmälern gesättigten Hauptstadt Berlin. Am Marx-Engels-Forum entsteht die U-Bahn neu – guter Grund, die Denkmäler der Denker zu beseitigen. An der Stelle des Palasts der Republik soll ein Schloß errichtet werden. Die Museumsinsel ist eine Totalbaustelle, um die Sammlungen nach neuesten Gesichtspunkten – pädagogisch aber auch kulturpolitisch – zu arrangieren. Was für Berlin gilt, gilt auch für die Provinz. Überall Umbau, Räumen, Umcodieren, Privatisieren des Öffentlichen, Totalausverkauf der Vernunft. Wo aber sind die Wissenschaftler, die klar sehen, sich engagieren, gar aufbegehren gegen diese balkanischen Zustände? Wir wünschen uns, dass bald ein ähnlich luzider, mit Fleiß edierter Band erscheinen möge, wie der vorliegende, um sich dem „Casus Deutschland“ anzunehmen.

27.01.2013
Christian Welzbacher
Tanja Zimmermann (Hrsg.): Balkan Memories. Media Construction of National and Transnational History. Engl. 270 S., Transcript-Verlag, Bielefeld 2012. 270 S. zahlr. Abb. 23 x 14 cm, EUR 33,80 CHF 43,50
ISBN 978-3-8376-1712-2
 
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