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Megacool - Jugend und Kunst

Wie tickt die Jugend? Dieses Rätsel zu lösen, könnte sich der Ausstellungskatalog „Megacool 4.0 – Jugend und Kunst“ als nützlich erweisen. Das Wiener Künstlerhaus hat es sich zur Aufgabe gemacht, Aspekte heutiger Kunst besonders jungen Künstlern in Zusammenarbeit mit den Kunstuniversitäten zu vermitteln und ein Forum zu geben.
Gezeigt werden im Katalog Werke von 80 jungen oder bereits etablierten Künstlern, die sich, wenn man die 50 überschritten hat, nur mit Geduld erschließen lassen: Ein geschlossener Hosenschlitz mit männlichem Inhalt von Cornelia Sollfrank fotografiert, Aufnahmen während einer Single-Party von Anna Jermolaewa oder eine Collage von Daniel Zerbst, mit dem Titel „der letzte Schuss der Saison einer jungen Frau“ die ihre Waffe scheinbar auf den Flügel einer Windradanlage richtet, lassen Fragen aufkommen..

Aggressive, provokante bis verträumte Bilder visualisieren die Innen- und Außenansichten der jungen Generation, zeigen Facetten, Potenziale und Blickwinkel, die uns Älteren meist verschlossen bleiben. Schaut man genauer hin, spielen Themen wie Kreativität, Vereinnahmung, Widerstand ebenso eine Rolle wie Identität, Medien, Konsum, Gruppenbildung, Trends und Lebensrealitäten.
Vom Hip-Hop bis zur Sportkletterszene beschreibt Heinz-Hermann Krüger die aktuelle Landkarte vorausgegangener und aktueller jugendkultureller Stile und Szenen, wobei, so Krüger „…vor allem die in prekären Lebenslagen aufwachsenden Straßenpunks übrig bleiben, die auch heute noch vielleicht das letzte Aufgebot einer ehemaligen Jugendrebellion repräsentieren“. Die politische Botschaft der jüngeren Szene bleibe auf love, peace and unity begrenzt, meint Krüger.

Krügers Essays verorten die Phänomene der Jugendkultur wissenschaftlich, soziologisch und kulturgeschichtlich. Das beginnt mit politischen und religiösen Szenen, wie Germanenwettkämpfen, Lagerfeuerromantik und Sonnenwendfeiern oder entwickelt sich, ethnisch und aktionsorientiert als Antwort auf Ausgrenzung und Ablehnung und damit zum Rückzug auf Werte muslimischer Religion, wie Männlichkeit, Ehre und Familienzusammenhalt. Andere Gruppen, hier Szenen genannt, sind sportlich motiviert, wie Fußball-Fanclubs, weniger mediale Szenen, die sich mit bestimmten Fernsehsendungen befassen. Auch institutionell organisierte Gruppen prägen die jugendliche Kunst. An erster Stelle stehen Mitgliedschaften in Sport- und Musikvereinen mit 40%, gefolgt von Kirchengemeinden, 15%; Jugendorganisationen, 12% und Rettungsdiensten, 7%. Dass nur 2% der Jugend sich in Gewerkschaften und Parteien engagiert, sollte zu denken geben.

Birgit Richard, Anna Lena Heidrich und Alexander Tilgner fragen in einem weiteren Essay nach der Bedeutung von „Mode, Style und Marken“, Musik, Filme, Serien und Spiele (Games), Parties und das Web 2.0. Am Schluss befasst sich Birgid Richard mit „Langsamkeit und Verschwinden in asozialen Netzwerken“ und meint damit ästhetische Strategien des „Witchhouse“ gegen das transparente „soziale“ Web. Während im „Witchhouse“ sowohl in der Musik als auch in Bildern „das Grenzwertige, Verschwommene, Nicht-Fassbare im „Nicht-Raum“ sich präsent bzw. absent“ darstellt, besonders bei You Tube, verlangen die sozialen Netzwerke permanente Präsenz und Sichtbarkeit, allerdings mit dem einzigen Zweck, Anzeigen verkaufen zu können.
Die Verarbeitung von medialen Bildern ist das passende Betätigungsfeld für Jugendliche. Die weitestgehend unkontrollierte Bildproduktion und Bildrezeption machen das Netz zum Freiraum und stellen visuelle Ordnungen her, die im Gegensatz zur landläufigen Meinung stehen, Pubertät wäre nur ein hormonelles Durcheinander.
Wir werden hinsehen müssen, wenn wir wissen wollen, wie Jugend tickt und wir werden hinsehen müssen, wenn Jugendliche eine Chance haben sollen.
Genauer betrachtet ist Jugend alles: komplex, dynamisch, spannend, verrückt, eben „megacool“.

15.02.2013

Gabriele Klempert
Megacool 4.0. Jugend und Kunst. Hrsg.: Richard, Birgit; Krüger, Heinz-Hermann; Bogner, Peter; Heidrich, Anna Lena. Beiträge: Krüger, Heinz-Hermann; Richard, Birgit; Tilgner, Alexander. 2012. 104 S., 192 fb. u. 16 sw. Abb., 28 x 21 cm, Pb, Kerber Verlag Bielefeld, 2012. EUR 18,00 CHF 24,80
ISBN 978-3-86678-744-5
 
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