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Das Interview – Formen und Foren des Künstlergesprächs

Nicht immer haben Interviewer so viel zu sagen, wie jene Personen, die von ihnen interviewt werden. Insofern ist für den Band „Das Interview“ zunächst zu konstatieren: eine Überdosis Obrist. In drei Beiträgen (von insgesamt 14) kommt der gute Mann zu Wort – und er erzählt uns jedes Mal dasselbe.
Ihr Gutes hat diese Redundanz, da sie als performativer Beweis für die Begrenztheit des Interviews als Form der Wissens- und Informationsgenerierung dient. Zwar versucht Obrist in einer „Infinite Conversation“ den ihn umgebenden Kunstbetrieb abzubilden – doch durch seinen „Trichter“ werden dessen Amplituden zwangsläufig beschnitten, der Blickwinkel verengt, die Spitzen gekappt. Heraus kommt nicht das dialogisch vermittelte Abbild einer unendlich facettenreichen „World of Art“. Sondern – Obrist. Diese Erkenntnis ist dann eine Lektion ganz allgemeiner Art, mit der man gut für die anderen Beiträge des neuen, kompakten „Fundus“-Bandes gerüstet ist.
Man hat es hier mit einem höchst anregenden Reigen zu tun. Unglaublich viel wird angeschnitten, die Texte reichen von grundsätzlichen Reflexionen bis zur Analyse (kunst)historischer Fallbeispiele. Eine ganze Anzahl an Begriffen taucht auf, die das instrumentelle Gespräch über Kunst benennen: Interview, Entretien, Gespräch, Konversation usf. Wäre es nicht wundervoll, man definierte sie in Form eines Glossars?
Implizit taucht in mehreren Texten ein zweiter Wesensaspekt des Interviews auf, der eine eigenständige Behandlung verdient: Die Frage nach Vor- und Nachteilen der „Oral history“ als Mittel der Erschließung (kunst)historischer Zusammenhänge. Historiker, auch Psychologen und Literaturwissenschaftler, haben hier Grundsätzliches verfasst, von dem auch die Kunstwissenschaft profitieren kann, sofern sie es rezipiert.
Spannend sind die Textbeiträge, wenn sie das Interview im größeren Zusammenhang beleuchten. Etwa als Möglichkeit der Kulturedukation eines breiten Publikums im neuen Medium Radio zur Zeit der Weimarer Republik (Andreas Zeising); als Mittel, die eigene Kritikerposition durch systematisch eingeholte O-Töne zu stärken (Matteo Burioni zeigt dies am Beispiel von Vasaris Viten); als Medium zur Perpetuierung der eigenen Berühmtheit (Philip Ursprung und andere am Beispiel Warhol); als wissenschaftlich angelegter Versuch, schweigsame und wortkarge Künstler zur Positionsbestimmung ihrer Arbeit zu bewegen (Peter Schneemann über das Amerika der 50er Jahre); als Marketinginstrument der innig versippten heutigen Kunstszene, die durch Textproduktion Bedeutungen erfindet (und damit Preise legitimiert – ein wunderbar kritischer Text von Isabelle Graw).
Die Offenheit des Bandes als heterogene Textsammlung (und Dokumentation eines Hamburger Symposiums von 2010) regt an, ohne voreilig zu beschränken. Sie deckelt das wissenschaftliche Gespräch über das Interview nicht durch vermeintlich sakrosankte Endergebnisse. Sie gibt stattdessen zu bedenken. Und zeigt auf, was noch zu tun sein könnte, um dem Interview und seiner Vielzahl an Funktionen in der Kunst der Moderne auf die Schliche zu kommen – bis hin zur Frage, ob es nicht selbst „Kunst“ sei, im Sinne einer Performance aus Worten, Gesten, Gedanken und Wünschen, die bei der Konservierung (durch redaktionell überformte Druckfassung etwa) ihr Wesen verändert. Ob das so ist und wie es vonstatten geht – wir sollten es mit der Anregungen des Bandes „Das Interview“ im Gepäck herausfinden.

13.09.2013
Christian Welzbacher
Das Interview. Formen und Foren des Künstlergesprächs. Hrsg.: Diers, Michael; Blunck, Lars; Obrist, Hans Ulrich. Fundus 206. 344 S., diverse Abb., 17 x 10 cm Gb., Philo Fine Arts, Hamburg 2013. EUR 22,00 CHF 30,80
ISBN 978-3-86572-674-2
 
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