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Das Museum Brandhorst

Dieser schmale Band ist nicht nur ein Who is Who und ein What is What der zeitgenössischen Kunst, sondern vor allem eine buchgewordene Einladung, den Besuch der ehrwürdigen Schmuckstücke der Münchener Kunstmuseen mit dem eines neuen, auf privater Basis entstandenen abzurunden. Das im Mai 2009 eröffnete Museum gehört zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und beherbergt die Sammlung zeitgenössischer Kunst von Udo und Anette Brandhorst. Nach einer ersten öffentlichen Präsentation hat das Paar seine Sammlung im Jahr 1999 an Bayern übereignet, danach folgte der Bau des Museums. Die Arbeiten, die in hellen, großzügigen Räumen dargeboten werden, bilden einen Querschnitt der Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der Museums- bzw. Kunstführer, der von Anna Rühl, Mitarbeiterin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, verfasst wurde, ist in 13 Abschnitte geteilt, die teils Schulen bzw. Kunstrichtungen bezeichnen, teils Künstlernamen tragen. Ob die Abschnitte dem Ablauf im Museum selbst folgen, wird nicht klar. Sowohl Armin Zweite, Direktor der Sammlung Brandhorst, als auch die Autorin haben es sich zum Ziel gesetzt, für die schwer verständliche, oft spröde und nicht selten verstörende Kunst der letzten 60 Jahre zu werben. So schreibt Zweite in seinem Vorwort: "... ästhetische(n) Bewertungskriterien ändern sich ständig, sodass sich rasch wechselnde Codes aneignen muss, wer für die so verblüffenden Phänomene aktueller ästhetischer Diskurse und Praktiken aufnahmefähig werden und bleiben möchte." Die eloquente Werbung, sich mit Geduld, Intellekt und Gefühl auf die zeitgenössischen Kunstrichtungen Europas und der USA einzulassen, ist bestens gelungen.

Den Einstieg in die Kunstgeschichte der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bildet Cy Twombly (1928-2011), von dem das Ehepaar Brandhorst 200 Objekte aus sechs Jahrzehnten zusammengetragen hat und dem ein eigener Saal gewidmet ist. Die in den 60er Jahren in Italien entstandene sogenannte "Arte Povera" ist durch Mario Merz (1925-2003) und Jannis Kounellis (geb. 1936) vertreten ist. Für den Wiener Aktionismus steht u.a. Arnulf Rainer (geb. 1929): Seine Übermalung eines reproduzierten Van-Gogh-Selbstporträts ("Van Gogh durch den Türspalt guckend", 1978) hat durchaus humoristische Züge. Von Joseph Beuys' (1921-1986) Arbeiten sei "Zeige deine Wunde" von 1975 hervorgehoben, ein Thema, das der Künstler so kommentierte: "Eine Wunde, die man zeigt, kann geheilt werden." Im Abschnitt "Deutsche Positionen", will sagen: Ost-West-Positionen, finden sich Arbeiten von Gerhard Richter (geb. 1932), Georg Baselitz (geb. 1938), Sigmar Polke (1941-2010), Georg Herold (geb. 1947) und einer der drei Künstlerinnen der Sammlung: Katharina Fritsch (geb. 1956). Ihr "Warengestell mit Madonnen" von 1987/1989 zeigt "ein Konsumprodukt, das mit den tatsächlichen Inhalten in einen fruchtbaren Widerspruch tritt". Ganze 100 Werke des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol (1928-1987) besitzt die Sammlung, darunter eine "Camouflage (Beuys)" von 1986, die an die Begegnungen zwischen Beuys und Warhol erinnert. Im Abschnitt "Pop Art und die Folgen" rückt noch einmal New York ins Zentrum, u.a. durch Frank Stella (geb. 1936). Besonders verstörend ist ein Gemälde von Eric Fischl (geb. 1948) ("Daddy's Girl", 1984), wo die heile und luxuriöse Atmosphäre nur schöner Schein ist und die Situation zwischen Mann und kleinem Mädchen kurz vorm Kippen sein dürfte. Alex Katz (geb. 1927), der "Meister der glatten Oberflächen", bildet mit seinen gegenständlichen großformatigen Bildern den nächsten Abschnitt. Danach umfasst die "Minimal Art und Konzeptkunst" Arbeiten von sieben Künstlern, die "ausschließlich sich selbst ... repräsentieren". Bruce Nauman (geb. 1941), zeitweise ebenfalls ein Minimal-Artist, sagt zu seinen ithyphallischen Clowns: "Man hat eine Maske und eine Person dahinter, und das wirkt bedrohlicher als eine zornige Person. Weil da nämlich etwas mitspielt, was man nicht kennt und auch nicht ergründen kann." In der "Neuen Objektkunst" ist sicher Jeff Koons (geb. 1955) der bekannteste; in der Sammlung Brandhorst ist aus dieser Kunstrichtung auch die Künstlerin Cady Noland (geb. 1956) mit einem fast zwei Meter hohen Cutout namens "Tanya as a Bandit" von 1989 vertreten, das die Wandlung der Millionärstochter Patty Hearst zur Revolutionärin thematisiert. Damien Hirst (geb. 1965), dem Shooting-Star und Meister der Vermarktung seiner selbst, ist der nächste Abschnitt gewidmet. Den Abschluss bildet das Thema "Fotografie und neue Medien": Von Roni Horn (geb. 1955), der dritten Künstlerin der Sammlung, bewahrt das Museum 100 Fotografien, darunter die Sechserfolge "You Are the Weather" von 1994-1996, En-face- bzw. Aug-in-Aug-Bildnisse einer isländischen Künstlerkollegin. Große Literatur wird in "Vidéo" (2007) von Stan Douglas (geb. 1960) zitiert: In seiner Version von Kafkas Prozess ist Josef K. eine farbige Frau, die durch eine düstere Hochhaussiedlung irrt.

24.10.2013
Daniela Maria Ziegler
Rühl, Anna. Das Museum Brandhorst. Museen der Welt. München. 128 S., 170 Abb. 26 x 21 cm, Gb. C.H. Beck Verlag, München 2012. EUR 18,95 CHF 28,90
ISBN 978-3-406-63139-9   [C. H. Beck]
 
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