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Wo immer vom Sehen die Rede ist da ist ein Blinder nicht fern

Die Blindheit der Gesellschaft.
Niklas Luhmann hat einen Band mit diesem Titel natürlich so nie geschrieben. Aber nach allem, was man bisher von diesem Autor(system) lesen konnte, wäre dieses Buch eine realistische Option gewesen. Die kollektive Erfahrung der Blindheit ist gerade Gesellschaften eigentümlich, die sich mit hoher Energie in Abenteuer stürzen, deren Ausgang oft nur mit größter Unsicherheit vorhergesagt werden kann. Symptomatisch ist allerdings, dass sich in den Geisteswissenschaften die Fragen mehren, die nach der Unsicherheit, der Irritabilität und der Selbstwidersprüchlichkeit von Leistungen fragen, die durch die Tradition verursacht wurden und werden. „Das Sehen des Nicht-Sehens hat die Frage nach dem Sehen befördert.“ (Bexte, S. 69).

Der Leser von Peter Bextes Essaysammlung „Wo immer vom Sehen die Rede ist da ist ein Blinder nicht fern“ kommt in den Genuss von mindestens einem Vorteil und einem Nachteil. Der Vorteil bzw. der Reiz besteht darin, dass die hier versammelten Texte durch teilweise implizite Argumentations-muster geprägt sind: Nicht alles wird sichtbar, einiges, möglicherweise Entscheidendes bleibt „blind“. Ob es sich um „selektive Himmelsblicke“ handelt, um den Topos der „weggeschnittenen Augenlider“, die „Wohltaten der Blendung“ bei George Bataille oder den blinden Mathematiker, den Konrad Zuse im Jahre 1944 in seiner Firma anstellt, um seinen vierten Rechner, den Z4, zu programmieren. In unterschiedlichsten Kontexten entdeckt der Autor die Blindheit als inspirierende Systemstelle von medialen, erkenntnistheoretischen und darstellungstechnischen Verhältnissen. Der Nachteil seines Buches besteht in der offensichtlichen Bruchstückhaftigkeit seiner Themen, die von enormer Bildung aber auch Inspiration ihres Autors erzählen. Bexte vermeidet es offenbar bewusst, das Thema der Blindheit in systematischer Weise zu verallgemeinern. Warum Bexte an keiner Stelle auf die blinden Flecken in anderen, sich selbst kommunizierenden Wissenschaften (etwa der Systemtheorie Niklas Luhmanns) bleibt ein offenes Rätsel.

Blindheit als Programm
Die Untersuchung der kunst- und geistesgeschichtlichen Aspekte des Themas Blindheit ist die eine Sache; die Frage nach den Verfahren, in denen Blindheit als instrumentelle Steigerungsoptionen absehbar werden, eine andere. Es gehört zu den großen Vorzügen des Bandes von Peter Bexte, dass diese Doppelung dem Leser immer wieder vor Augen geführt wird – Blindheit als Metapher und als Medium der frühen 21. Jahrhunderts. Das klingt nach einem langfristigen Forschungsprogramm, das Bexte seit Jahren verfolgt.

Innovation durch Blindheit
Wer im übertragenen Sinne seine eigene Blindheit beobachtet, ist auf dem besten Wege der Besserung. Die Erfahrung des Blinden, der Ausfall eines kompletten optischen Orientierungssystems, stellt den Beobachter vor ein Problem. Er stellt sich die Frage, wie Erkenntnis, die auf teilweise Blindheit beruht entstehen kann. Und womöglich auch: ist es nicht die Blindheit, die eine Gesellschaft so weit provoziert, dass das implizite Sehen nicht als eine zukünftige Erkenntnisleistung eine Rolle spielen wird. Alleine Bextes Hinweise zur Rolle von blinden Mathematikern sind so inspirierend, dass es uns nicht-blinden Kunsthistorikern schwer fällt, in unserer Vorstellung die Rollen zu tauschen. So hat das Thema des Blinden nicht nur etwas mit dem Sehen sondern vor allem auch mit dem Tauschen von Positionen in der Vorstellung des Handelnden zu tun. Wer mit Blindheit geschlagen ist, der erfindet ganz eigene Tricks, mit denen er sich tastend eine Wirklichkeit
zurückerobert.

08.03.2014
Michael Kröger
Wo immer vom Sehen die Rede ist .. da ist ein Blinder nicht fern. An den Rändern der Wahrnehmung. Bexte, Peter. Pb. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2013. 170 S. 28 Abb. 23 x 16 cm. Eng. Br. EUR 29,90. CHF 40,00
ISBN 978-3-7705-5598-7
 
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