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Auf der Spur des Papiers – Eine Liebeserklärung

Gerade in Zeiten des Ebooks und der immer mehr voranschreitenden digitalisierten Welt steigt auch das Bedürfnis nach der Entschleunigung und Rückbesinnung auf die alten Medien. Der französische Schriftsteller und Ökonom Erik Orsenna hat sich wahrhaftig auf eine Weltreise gemacht um dem Geheimnis und den Legenden jenes „Rohstoffes“ auf die Schliche zu kommen, der bis heute trotz aller IT-Möglichkeiten glücklicherweise auch weiterhin seine Bedeutung hat: das Papier. „Eine Liebeserklärung“ lautet der deutsche Untertitel dieser Schrift, die sich eben nicht als ein trockener wissenschaftlicher Bericht, sondern als ein Abenteuer durch Zeit und Raum darstellt.
Ganz der Wissenschaftler, der aber gleichsam mit journalistischem Gespür ausgestattet ist, folgt Orsenna akribisch den Spuren jenes sagenumwobenen und bis heute nicht aus unserem Leben wegzudenkenden Rohstoffs/Mediums. Er führt Interviews mit den verschiedenen Spezialisten und Fabrikanten, besucht Museen, Archive und die diversen Plantagen und Fabriken, um dem Papier und seinem Wesen näher zu kommen.
Im ersten Teil des Buches, den er den historischen Papieren gewidmet hat, beschreitet er Wege wie die berühmte Seidenstraße, die von jeher ihre Bedeutung für die Verbreitung von Gütern, Wissen und Religion hatte und auf der freilich auch jener Stoff nach Europa gelangte, der angeblich um 121 v.u.Z. von Cai Lun erfunden sein soll. Der Leser entdeckt die eingemauerte Bibliothek von Dunhuang, die 1907 in China von dem Forschungsreisenden Aurel Stein für die westliche Welt (wieder)entdeckt worden ist, er macht sich aber auch gleichsam mit der europäischen Geschichte vertraut. War Papier zunächst zum Festhalten administrativer und vor allem religiöser Texte seines paganen Charakters wegen verboten – so per Dekret durch Kaiser Friedrich im Jahre 1221 (S. 53), war dennoch sein Siegeszug auch in Europa nicht aufzuhalten. Schon bald waren die einheimischen traditionellen Schriftträger wie Pergament und Stein überholt und wurden durch das leichter transportablere und sehr viel einfacher und günstiger herzustellende Papier ersetzt. Die zwei Hauptrohstoffe des frühen europäischen Papierschaffens, nämlich Wasser und Lumpen, waren in guter Anzahl vorhanden, so dass auch die Fabrikation recht schnell eine weite Verbreitung fand.
Und immer wieder ist es Asien, auf das zurückzukommen ist, wenn man sich der Geschichte des Papiers widmet. Genauer gesagt: Japan, wo bis heute besonders kunstvolle und handwerklich anspruchsvolle Papiere entstehen – ja, wo der Status der Hersteller zu Recht weit über den eines normalen Handwerkers hinausgeht. Der wohl berühmteste Ort hierfür ist Echizen, in dem sogar die so genannten „lebenden Landeswunder“ wohnen.
Zudem werden Traditionsunternehmen, die teils bis heute produzieren, wie beispielsweise Canson (S. 75) vorgestellt, sowie die langwierige Geschichte und die Neuerungen in der Neuzeit, die mit dem Papier zusammenhängen, darunter auch das Wasserzeichen, welches in dem kleinen Örtchen Fabriano in Italien seine Wurzeln hat.
Doch das Papier wurde und wird nicht nur als besonderer und ästhetischer Schriftträger verwendet, der es so manchem Schriftsteller erst ermöglichte, seine Werke adäquat im wahrsten Sinne zu Papier zu bringen. Weitere Verwendungen wie beispielsweise als Zigarettenpapier finden Erwähnung.
Der zweite Teil des Büchleins schließlich beschäftigt sich vordergründig mit der heutigen modernen Papierherstellung und den damit verbundenen Problemen. Die Reise führt E. Orsenna nach Indien, Rajastan, wo ökologisch vertretbare Herstellung propagiert wird, nach Norwegen als auch Mexiko und Brasilien. Ob der Prozess des Abholzens von Regenwäldern und der Anbau von schnellwachsenden Bäumen wie dem Eukalyptus auch mit der Papierindustrie zusammenhängt – Mythos oder Wahrheit – E. Orsenna geht dem Problem auf den Grund. Letztlich ermutigen einige der Ergebnisse dieser Recherche: So kann Orsenna beispielsweise nachweisen, dass nahezu 60 % der Papierherstellung heute bereits durch Recycling von Altpapierbeständen und allein 40 % aus der Holzproduktion entstehen. Dabei sind es auch bei diesen 40 % vorwiegend Reste und Abfälle, die sonst kaum Verwendung finden würden. Zudem kann der sonst häufig mit negativem Leumund belastete Eukalyptus bei Orsenna die ihm zustehende Rehabilitierung erfahren. Neben den ökonomischen Aspekten werden zudem weitere Einblicke in die Kriminalistik, wie beispielsweise Fälschungen gegeben.

Alles in Allem ist es Erik Orsenna gelungen, eine wahre Liebeserklärung an das Papier zu schreiben und den Leser in seinen jeweils kurzen, essayistisch geschriebenen Kapiteln umfangreich, kurzweilig, zugleich aber intelligent und durchaus kritisch mit diesem Sujet vertraut zu machen. Mit journalistischem Geschick versteht er es, die entsprechenden Sachverhalte spannend und interessant zu gestalten, so dass der ihn begleitende Leser, wo auch immer auf dem Kontinent beide sich gerade befinden, stets gespannt auf den nächsten Haltepunkt ist. Dabei sind für die einzelnen Stationen stets praktische Informationen wie Telefonnummern und Adressen angemerkt. Es ist ein Buch, welches einen schönen Einstieg für alle bietet, die mehr über das Papier und die Zusammenhänge lernen möchte – ein Muss für jeden Bibliophilen.

13.08.2014
Robert Kuhn
Auf der Spur des Papiers. Eine Liebeserklärung. Orsenna, Erik. Übersetzt von Vollmann, Caroline. 336 S. 1. Abb. 2 Karten, 21 x 12 cm. Gb. C.H. Beck Verlag, München 2014. EUR 19,95 CHF 30,50
ISBN 978-3-406-66093-1   [C. H. Beck]
 
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