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Schlimme Finger – Eine Kriminalgeschichte der Künste

Verbrechen und Kunst, Entgrenzung und Kreativität - sind dies nur scheinbare Gegenpole? Oder bedingen sie sich gegenseitig? Was das Autorenduo Rolf-Bernhard Essig und Gudrun Schury in sechzehn biographischen Abrissen zum Thema verbrecherische Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler zusammengetragen hat, liest sich unterhaltsam: An bildenden Künstlern sind Veit Stoß, Benvenuto Cellini, Michelangelo Merisi da Caravaggio, Thomas Griffiths Wainewright, der Graphiker Arno Funke sowie der Fälscher Wolfgang Beltracchi vertreten. (An Schriftstellern beispielsweise Karl May, an Musikern etwa Carlo Gesualdo.) In drei Überblickskapiteln fragen die Autoren nach dem "Warum?" und berichten von der Erwartungshaltung des allzeit sensationsgierigen Publikums.

Warum morden Künstler, warum stehlen und betrügen sie? Aus Gründen wie jeder andere Mensch auch: Geldnot, Hass, Gier, Eifersucht, Eitelkeit sind die Triebfedern. Künstler sind doch auch nur Menschen, oder?

Manch ein Künstler wird auch zu Unrecht verdächtigt, ein schlimmer Finger zu sein, so hat man zum Beispiel Picasso bezichtigt, 1911 die Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen zu haben. Letztendlich war es ein italienischer Handwerker, der sie gemaust hatte. Aber Modernisten wie Picasso musste man wohl alles zutrauen, sogar den Diebstahl des Louvre-Highlights. Über Michelangelo Buonarroti gar kursierte eine Geschichte, dass er einen jungen Mann gekreuzigt haben soll, um den sterbenden Jesus möglichst naturalistisch darstellen zu können. Ähnlich klingt die Unterstellung, dass die Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel die kleine Fränzi, ihr kindliches Lieblingsmodell, nicht nur gemalt haben sollen.

Neid und Unglaube stecken dahinter, wenn man Künstlern so einiges an Boshaftigkeit zutraut: Dass ein Mensch nur Vorbildhaftes und Einzigartiges leistet, kann es nicht geben. Da muss doch eine dunkle Kehrseite vorhanden sein? "Gerade weil er Schönes schafft, verehrt wird und berühmt ist, löst des Künstlers tiefer Fall ins Böse so einen wohligen Schauder aus. Auch gelten die Musenjünger als besondere und extreme Menschen - wie auch die Verbrecher", meinen Essig und Schury. Im Übrigen sind Frauen als Verbrecherinnen unter den Künstlern unterrepräsentiert, nicht weil Frauen nicht hassen oder gieren können, sondern weil sie die große Chance, als Frau zu einigem künstlerischen Erfolg gekommen zu sein, nicht gefährden wollten.

Unter den von den beiden Autoren aufgeführten "Fallgeschichten" gibt es echte Unsympathen, zugegeben (so heißt es in einer Randnotiz über Miles Davis, er sei Zuhälter gewesen und habe Prostituierte erpresst). Aber nicht nur. Besonders erschütternd liest sich die Geschichte um den Bildhauer Veit Stoß, der aufgrund einer aufgeflogenen Dokumentenfälschung gebrandmarkt wurde, was bitte wörtlich zu verstehen ist: Man hatte ihn als Bestrafung mit Brandzeichen im Gesicht versehen. Diese einst übliche Strafe erlaubte dem so Gezeichneten zwar, weiterhin in der Gesellschaft zu leben und für seinen Unterhalt zu sorgen, aber niemanden - und vor allem ihn selbst nicht - vergessen zu lassen, was er einst getan hatte.

06.07.2015
Daniela Maria Ziegler
Schlimme Finger. Eine Kriminalgeschichte der Künste von Villon bis Beltracchi. Essig, Rolf-Bernhard / Schury, Gudrun. 2015. 304 S., 22 Abb. 20 x 12 cm. Pb. C.H. Beck, München 2015. EUR 14,95 CHF 23,50
ISBN 978-3-406-67372-6   [C. H. Beck]
 
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