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Der explizite Betrachter.

Der Betrachter, der heute Situationen, Ideen und Settings begegnet, die im Kunstkontext Relevanz erzeugen, ist heute eine Figur, die von Künstlern und Kunstvermittlern gleichermaßen angesprochen und für spezielle Zwecke eingesetzt wird: ob als Besucher oder als Kunde, als Sammler oder als Proband, als Exponat oder – im Extremfall – als ein am Geschehen selbst Nichtbeteiligter. Der Betrachter ist heute nicht nur eine implizit vorausgesetzte Größe, sondern vielmehr eine ein- oder ausgeschlossene Figur, die mit Erwartungen und Wissen, mit sinnlichen Erfahrungen, Witz und Geist einer Wirklichkeit begegnet, die als Kunstwerk eine eigene Sphäre schafft.
Aus der Funktion/Figur eines impliziten Betrachters, den Wolfgang Kemp in den achtziger Jahren aus der Literaturwissenschaft importierte und als historisch-systematische Größe seiner kunst-wissenschaftlichen Rezeptionsästhetik verortete, hat sich heute eine vielfach multiplizierte Rezeptionswirklichkeit entwickelt: Der explizite Betrachter ist heute vieles gleichzeitig und gleichzeitig eine widerspruchsvolle Größe. Oder wie Kemp formuliert: Ein „sinnliches, körperhaftes, institutionelles, politisches und soziales Wesen.“ Kemps instruktive Untersuchung lässt sich auf unterschiedliche Art lesen: auch als eine Art biographischen Rückblick auf die Jahre der Kunstevolution nach 1967, jenem Jahr, in dem Roland Barthes von der Geburt des Lesers spricht, die mit dem Tod des Autors zu bezahlen sei, Susan Sontag ihre „Aesthetics of Silence“ veröffentlicht, in der eine Typologie der Schweigearten des Publikums entwickelt wird und – in Form einer beigelegten Schallplatte in der Zeitschrift Aspen 5/6 den legendären Vortrag Marcel Duchamps mit dem Titel „The Creative Act“ (erstmals 1957) wieder zu hören ist. Kemp widmet dem Jahr 1967 sein besonderes Augenmerk, indem er hier aus wissenschaftshistorischer Perspektive „die Geburt der Rezeptionsästhetik“ beschreibt und dabei zeigt, wie sich aus den vielfältigen Störungen des Kunst-Betrachter-Verhältnisses neue funktionale Differenzierungen herausbilden. Nach den frühen Negationen des Werks sei heute eine Gegenwart am Werk, die durch „Vielfalt, Abwechslung und Überschuss“ bestimmt werde.
Am spannendsten liest sich das dritte Kapitel „Der Betrachter als Proband“: eine genaue Analyse der Bedingungen, unter denen Bruce Nauman den Erfahrung suchenden Betrachter in seine „Kunst aus Zwängen“ einbaut. Die Erfahrung, dass hier der Betrachter unausweichlich in die Falle einer räumlichen Doublebind-Situation gerät – als Beobachter, der sich als Proband im Erfahrungsraum eines Kunstraumes beobachtet und gleichzeitig sich die Frage stellt, an welcher Stelle er im Raum des Werkes als Abwesender angesprochen wird –, verwandelt Kemp gleichzeitig in eine alte neue Fragestellung: die systematische Störung, die Verwendung des Widerspruchs, die den Betrachter attackiert, ihn unter Zwang setzt, hat in Paul Watzlawicks berühmter Formel „Man kann nicht nicht kommunizieren“ eine Aussage gefunden, auf die Kemp mehrfach Bezug nimmt – ein Axiom, dessen paradoxe Struktur übrigens zuerst 1951 von Jürgen Ruesch und Gregory Bateson entdeckt wurde. Beim Arbeiten mit Reduktionen und an Widerständen, das lernt der Leser bei Kemp in immer wieder variierten Anläufen, spürt der Betrachter und er erfährt, wie die Institutionen der Kunst und des Kunstmarktes, ein permanentes Mehr an Möglichkeiten einfordern und ihn zwingen aus solchen Zwangssituationen neues Kapital zu schlagen. Der Betrachter ist, so Kemp, kein bloßer Theorieeffekt angewandter Rezeptionsästhetik, sondern selbst ein Produkt seiner Performance, eine Beziehung gewordene Bindung zwischen Medium und Markt, Wirkung und Widerspruch.
Als Rückblick des tief ins Geschehen involvierten Autors liest sich vor allem das V. Kapitel “Die Institution Kunst: Ihre Entwicklung seit 1967“. Hier beschreibt Kemp wie die Leitbegriffe, etwa wie Kommunikation/Information, die Kunst und Ausstellungen dieser Zeit prägen und wie die Künstler den Betrachter in ihr Geschehen hineinziehen. Die grundsätzliche Frage, die Kemp sich und uns stellt, ist ebenso zeitlos wie aktuell: „Was ermöglicht die Institution als Co-Producer, was fordert, sie, was verhindert sie und was kontrolliert sie.“ Zwangssituationen ganz eigener Art beobachtet der Autor dann im Kapitel zur Eventkunst, das die hausgemachten Probleme partizipatorischer Kunst näher beleuchtet und beispielsweise die sinnlichen Reize hervorhebt, denen sich der Betrachter im Heilschlamm bei Santiago Serra hingibt.
Im achten Kapitel analysiert Kemp die Produktionsstrategien der beiden Großkünstler Jeff Koons und Gerhard Richter. Hier, am Ende seines Buches, gerät die Perspektive des expliziten Betrachters in mehrfacher Weise in den Blick des Kunstmarktes. Eine Kunst, die planmäßig und strategisch geplant wird, diversifiziert ihre entstehenden Werke wie die Produktpalette eines Automobilherstellers. Damit offenbart sie nicht nur bis ins Innerste kapitalistische Markt-Bedingungen, sondern operiert selbst mit einem Modus, in dem Kunst und Kommerz, Kommunikation und Selbsterklärung ineinander übergehen. Als Material künstlerischer Interventionen und Gesten wird nun der Markt zum Anlass und Thema der Beobachtung. „Der Markt und die marktgeile Kunst“ (Kemp) produzierten eine Form der Kunst, die mit den Strategien des Marktes operiert, braucht aber nicht mehr im engeren Sinne Werk-Betrachter – so am Ende die lakonisch unterkühlte Beobachtung Kemps. Ob die beiden „expliziten Nichtbetrachter“, die Kemp in zwei Fotografien vor Arbeiten von Bacon und Koons entdeckt, wirklich als Symptome einer nächsten Zukunft gelten können, in der das Mehr des Marktes alles weitere dominiert? Zumindest ist Kemps Beobachtung, dass die Kunst sich plötzlich ohne ihre Betrachter ganz auf den Fetisch des Markt-Wertes bzw. dessen Unsichtbarkeit im Bild konzentriert, eine reizvolle Übertreibung, die die Situation heutiger Kunst unter extremen Marktbedingungen spiegelt. Ob und wie man diese Anpassung der Kunst an die Märkte bewerten kann, lässt Kemp wohl sehr bewusst offen.
Wolfgang Kemps dichte Beschreibung lässt sich am Ende so zusammenfassen: Ob man betrachtet, liest oder reflektiert oder eben auch nicht betrachtet: Die Begegnung mit einem Werk erzeugt ein wachsendes Mehr an Wirklichkeit. Der „Explizite Betrachter“ macht es dem Leser nicht immer leicht; die gelehrten und ironischen Anspielungen, Verweise und Selbstkommentare des Autors möchten verstanden und nicht nur mitgelesen werden. Als aktuellen und seitenweise spannend zu lesenden Rückblick auf die intellektuellen Glanzleistungen der Gegenwarts(kunst)theorie seit 1967 liest man dieses Buch mit großem Gewinn – gerade wenn man dabei feststellt, dass wir heute in einer Zeit leben, in der so schnell keine neuen Modelle des Betrachters mehr zu erwarten sind – wohl aber neue Variationen des Bestehenden. Ob der vom Werk ausgeschlossene Nichtbetrachter oder der vom Mehr getriebene Investor: Wird neben den Künstler und Betrachter nicht bald eine dritte Figur treten, die noch keinen Namen trägt aber dafür ein Gespür für aktuelle Spekulationen, für Spiele mit veränderten Ordnungen, Ideen und Regeln haben wird, die in der nächsten Gegenwart eine Rolle spielen werden?

04.09.2015
Michael Kröger
Der explizite Betrachter. Zur Rezeption zeitgenössischer Kunst. 2015. Kemp, Wolfgang. 252 S. 35 Abb. 22 x 13 cm. Gb. Konstanz University Press, 2015. EUR 29,90. CHF 36,80
ISBN 978-3-86253-075-5
 
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