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K. H. Hödicke – Berlin Potsdamer Platz

Gekocht wurde hier schon lange nicht mehr. Übergroß wirkten die Herde in der wie alle anderen wandoffenen Etage des „Haus Vaterland“ mit den geländerlos intakten Treppenaufgängen. 1975 surrealer Solitär im Niemandsland der Brache am Potsdamer Platz zwischen Ost und West, kaum verstanden auch als Metapher für das ruinierte Vaterland. 1976 abgebrochen, findet es sich bei dem 1975 gerade um die Ecke in ein Atelier zugezogenen Hödicke nur einmal kurz skizziert. Und scheint doch unsichtbar-heimliches Hauptmotiv hier und bei seinen Malerkollegen Baselitz, Immendorff, Kiefer, Lüpertz Hauptmotiv zu sein. Aus deren gemalter zeitloser Hintergründigkeit sich Hödicke in neorealistisch verstandene Berliner Alltagsmotive (seine Frau in Wehen, ein Mann in einer Telefonzelle) und Konkret-Historisches (Ruinen am Potsdamer, Berliner Mauer, Brandenburger Tor) hinein malt. In Vieldeutigkeit mittels realistischer Bezugspunkte statt Vieldeutigkeit durch gemalte Abstraktion. Womit jedoch, wie sich zeigte, auf dem Kunstbetriebsbarometer bisher kein oberer Platz zu belegen war.

Es ist die Erinnerung an ein Berlin, das es nicht mehr gibt, die den Grundton dieser Bilder abgibt. Reklamiert nicht nur mit Grafiken, Gemälden der Siebziger und Achtziger Jahre sondern auch retrospektiv, mit einem gemalten und beschrieben-kommentierten Blätter-Rückblick aus dem Jahr 2014. Wobei 1990 ein malerischer Scheidepunkt zu sein scheint, löst sich doch nun das bisher häufige Grau-Schwarz auch des Brandenburger Tores im explodierenden Schwarz-Rot-Gold eines Feuerwerkes auf. Doch der Maler bleibt Skeptiker, wie die nun als Gitter verstandenen Säulen des Brandenburger Tores mit dem Adler dahinter zeigen. Und der Potsd.Pl. wird, nun, zum Potsdamer Platz.

So bleiben in Hödickes Bildern Zeitgenossenschaft und Vergangenheit immer eng miteinander verbunden. Weshalb viele dieser Motive, Grafiken, Gemälde ein wenig aus unserer Zeit scheinen, im essayistisch begleiteten Werküberblick klingt es an.
Sodaß hier der Gedanke an eine Ausstellung zum malerisch so divergierend- kontroversen Interpretationsspektrum deutscher Geschichte nach 1945 nahe liegt. Eine Ausstellung die, mit neuen Einsichten zu alten künstlerischen Erbhöfen und kunsthistorischen Kategorisierungen, ein Erkenntnisevent werden könnte.

07.12.2015
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
K. H. Hödicke. Berlin Potsd. Pl. Hrsg.: Neuendorf, Hans; Beitr.: Billeter, Erika; Billeter, Erika; Hödicke, K H. Dtsch/Engl. 224 S. 181 meist fb. Abb. 30 x 24 cm. Kerber Verlag, Bielefeld 2015. EUR 40,00. CHF 48,70
ISBN 978-3-7356-0090-5
 
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