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Im Hotel Régina. Alberto Giacometti vor Henri Matisse

Man hört förmlich den Bleistift in der abgedunkelten Stille eines südfranzösischen Zimmers über das Papier kratzen. Man spürt die Anspannung, mit der das Modell seinen Beobachter skeptisch beäugt. Es ist gewohnt, selbst zu beobachten, seine Umgebung und den Körper seines Gegenübers mit Blicken abzutasten. Nun aber ist es selbst Objekt und muss sich auf das Ergebnis gedulden. Der Dargestellte ist kein geringerer als der betagte, weltberühmte Maler Henri Matisse, der von Alberto Giacometti besucht wurde, um dem Schweizer Bildhauer Modell zu sitzen.
Der Anlass mag dem heutigen Betrachter seltsam aus der Zeit gefallen erscheinen. Matisse wurde 1954 von der französischen Staatsmünze angefragt, ob er Gegenstand einer Ehrenmedaille werden wolle. Als der Künstler von dem Ergebnis eines professionellen Münzschneiders enttäuscht war, setzte er eigenmächtig Giacometti auf diesen Auftrag an. Den 32 Jahre jüngeren Bildhauer schätzte er seit den ersten Begegnungen im Paris der 1930er Jahre. Giacometti willigte ein und auch die Münzanstalt akzeptierte schließlich den Personalwechsel.
Der Zürcher Professor für Kunstgeschichte, Gotthard Jedlicka, ein für die Zunft seiner Zeit außergewöhnlich wacher Beobachter und Begleiter der zeitgenössischen Kunst und langjähriger Freund Alberto Giacomettis hatte auf diese Episode erstmals 1957 in einem eindringlichen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung aufmerksam gemacht. Danach waren die Zeichnungen und das Projekt in Vergessenheit geraten. Nur wenige Blätter gelangten in Museen und Sammlungen und der überwiegende Teil des Konvoluts blieb im Nachlass. Mit dem – wie immer im Piet Meyer Verlag – wunderbar gedruckten Buch wird die Serie der Zeichnungen und der kleine plastische Versuch, den Giacomettis Bruder Bruno posthum hat gießen lassen, erstmals komplett vorgeführt. Das Blättern in diesem Buch lässt den Leser an den Sitzungen teilhaben, an dem für Giacometti typischen immer wieder neuen Ansetzen, dem Herantasten an sein Gegenüber – Strich um Strich. Die meisten Blätter entstanden Ende Juni, Anfang Juli 1954 in dem über Nizza gelegenen Cimiez. Als Giacometti im September nochmals in den Süden kam und Matisse in der Nähe von Saint-Paul-de-Vence besuchte, hatte der Maler bereits vor Alter und Krankheit resigniert die eigene Arbeit aufgegeben. Es entstanden nur noch drei Zeichnungen und das Projekt musste abgebrochen werden; wenige Wochen später starb er.
Der Giacometti-Kenner Casimiro Di Crescenzo gibt nicht nur einen Einblick in Giacomettis langjährige Auseinandersetzung mit der Kunst von Matisse, sondern führt vor allem in sorgfältiger Historikerarbeit aus, was Jedlicka in seinem stimmungsvollen Artikel nur andeuten konnte. Die einzelnen Schritte des Projektes sind aus dem Schriftwechsel in der Familie Matisse und in der Korrespondenz der Münzanstalt zu rekonstruieren. Damit ist die Geschichte des Projekts über die eindrucksvollen Zeichnungen hinaus erstmals wirklich nachvollziehbar. In einem abschließenden Text befasst sich der in Weimar lehrende Kunsthistoriker Michael Lüthy mit Giacomettis Portraittechnik allgemein und bindet damit die Zeichnungsserie in das Gesamtwerk des Schweizer Bildhauers und Malers ein. Die Abfolge der Texte birgt damit einige Redundanzen, aber sie beleuchtet eben auch das Projekt von allen Seiten und bereichert zusammen mit den vorbildlichen Reproduktionen der Werke die reiche Giacometti-Literatur um einen besonderen Einzelfall, wobei das Beispiel dieser einen Serie dem Leser den ganzen Kosmos von Giacomettis Kunst eröffnen kann.

13.03.2016
Andreas Strobl
Im Hotel Régina. Alberto Giacometti vor Henri Matisse. Letzte Bildnisse. Di Crescenzo, Casimiro. 56 S. 54 fb. Abb. 25 x 18 cm. Leinen. Piet Meyer Verlag, Bern 2015. EUR 35,00. CHF 38,00
ISBN 978-3-905799-32-3
 
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