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Franz Marc - Skizzenbuch aus dem Felde

Überraschend klein liegt das Büchlein in der Hand. Man kann es wirklich in die Jacken-, wenn nicht sogar in die Hosentasche stecken. Ebenso überraschend klein sind die mit dichten Bildern bedeckten Seiten. Das „Skizzenbuch aus dem Felde“ wie es später – vielleicht von der Witwe des Künstlers – genannt wurde, gilt seit seiner Publikation als Vermächtnis des Künstlers Franz Marc, der am 4. März 1916 bei Verdun von einem Granatsplitter getötet wurde. Marc selbst, der gar nicht so freiwillig und begeistert in den Krieg zog, wie es lange dargestellt wurde (Winfried F. Schoeller, Franz Marc. Eine Biographie, München: Carl Hanser 2016), betrachtete die wenigen Zeichnungen, die während des Kriegsdienstes entstehen konnten, als Möglichkeit eines geistigen Überlebens, um das er ansonsten nur im imaginären Dialog des Briefwechsels mit seiner Frau ringen konnte.

Überraschend ist, dass Blatt um Blatt in diesem Büchlein in gleicher Intensität durchgearbeitet ist. Obwohl nur mit dem Bleistift, der gelegentlich auch verwischt wurde, gezeichnet, fehlt dem Betrachter die Farbe kaum. Ob oder wie sehr wir hier einer Fiktion erliegen, kann allerdings heute nicht mehr gesagt werden, denn Maria Marc, die Witwe des Künstlers, hat das Büchlein auseinandergenommen, ehe es öffentlich wurde. Immerhin blieben die losen Seiten beisammen und konnten 1955 von der Staatlichen Graphischen Sammlung München erworben werden. Es handelte sich wohl um kein materiell hochwertiges Skizzenbuch, sondern eher um ein Notizbuch mit an einem Rand perforierten Seiten zum Heraustrennen. Vielleicht war sogar für den Künstler selbst gerade der Gedanke, die einzelnen Bilder dieser autonomen Zeichnungen eines Tages ohne Verluste auseinandernehmen zu können, ein Ansporn zu dieser dichten Serie und zur Wahl dieses Notizbuches.

Indem die Blätter nun wieder zu einem Büchlein zusammengeführt wurden, ist das vorliegende Faksimile sehr suggestiv, aber eben nur eine Möglichkeit der Rekonstruktion. Ob es Seiten mit Notizen oder skizzenhaften Versuchen gab, kann heute nicht mehr geklärt werden. Sein Titel „Skizzenbuch“ führt jedenfalls auf eine falsche Fährte, denn die kleinen Bilder sind von monumentaler Wirkung und lassen alles Spontane oder Suchende, das man der Gattung Skizze zuschreiben würde, vermissen. Nur dass eben der Betrachter nichts vermisst, sondern mit den „ungemalten“ Bildern Franz Marcs – um ein von Emil Nolde geprägtes Bonmot aufzugreifen – von dem Irrsinn des industriellen Krieges weit weggeführt wird. Selbst wenn man meint, gelegentlich fliegende und explodierende Geschoße zu erkennen, Marc hat in diesem Bildern nichts „verarbeitet“, sondern auf ein Werk nach dem Krieg hingearbeitet, auf das er sehnsüchtig wartete wie auch auf den Frieden – man kann dies in seinen Briefen nachlesen.

Das einfühlsame Nachwort von Michael Semff, dem jüngst pensionierten Direktor der Sammlung, die das Skizzenbuch bewahrt, führt in Marcs zeichnendes Denken ein, geht jedoch nicht weiter auf Bezüge zum Krieg ein. Die Auseinandersetzung der Künstler mit dem Weltkrieg ist in den letzten „Jubiläumsjahren“ auch intensiv erforscht und in Ausstellungen dargestellt worden. Dies hätte in einem Nachwort sicherlich nicht berücksichtigt werden müssen. Dass aber jegliche andere künstlerische Reaktion auf die Kriegsereignisse ausgeblendet bleibt, entheben Marc und die Entstehung der Skizzen ihrer Zeit, die sie doch erst hat entstehen lassen.

Die Skizzen nun in gebundener Form in die Hand zu nehmen und sich der lückenlosen Abfolge hingeben zu können, ist ein besonderes Erlebnis. Das erste, noch in den 1950er Jahren gedruckte Faksimile konnte bei weitem nicht an die Qualität der Originale heranreichen. Da die fragilen Zeichnungen nun seit vielen Jahren nicht mehr ausgestellt werden, um sie nicht weiterem Verfall preiszugeben, hat der Betrachter und Leser hier adäquaten Ersatz in der Hand. Nur auf die Wiedergabe der Perforierungen wurde verzichtet.

22.05.2016
Andreas Strobl
Franz Marc. Skizzenbuch aus dem Felde. Beitr.: Semff, Michael. 88 S. 16 x 10 cm. Gb. Sieveking Verlag, München 2016. EUR 17,90.
ISBN 978-3-944874-42-5
 
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