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Azra Akšamija – Mosque Manifesto

Ein kleines Buch-Kunstwerk ist dieser Band, ein Buch-Objekt, schön gestaltet und feinsinnig durchkomponiert. Aber es ist auch ein politisches Objekt – und ein politisches Buch. Azra Akšamijas Moscheenmanifest ist das Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit dem Islam, ein Plädoyer, das sich an Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen richtet. Basis dieser Publikation ist Akšamijas eigene Arbeit als Architektin, Publizistin und Künstlerin. Sie war am Neubau des islamischen Friedhofs der österreichischen Stadt Altach (Vorarlberg) beteiligt, einem modernistischen Meditationsort am Fuße der Berge, der Gebet und Gedenken verbindet. Sie hat sich wie ein Designer mit dem kriegerischen Zerfallsprozess Ex-Yugoslawiens – ihrer Heimat – auseinandergesetzt, Logos entwickelt, die von Zerstörung und Ermordung künden und zu abstrakten Mustern kombiniert wurden, um in eigens gewebten Teppichen wiederzukehren. Sie hat Performances entwickelt, die sich mit dem muslimischen Gebet auseinandersetzen und dazu Kleidung genäht, die den Charakter einer Moschee verkörpern – und sich gleichzeitig auf den Kulturkreis des Gläubigen bezieht. Die Dirndl-Moschee war ein solches Kleid: ein Dirndl, das sich zum Gebet auseinandernehmen lässt, mit integriertem Kopftuch, Teppich und Kompaß, um die korrekte Ausrichtung gen Mekka zu bestimmen.
Akšamijas Arbeit ist subtil und intelligent, ihre Provokation ist quasi subkutan, denn diese liegt meist weniger in ihren eigenen Werken, als in der Betrachterreaktion auf den islamischen Kontext, dem sie entstammen. Kulturbeflissene Menschen, die Dank ihrer Erfahrung mit Witzkunst allzu sehr auf Ironie gebürstet sind, könnten manche von Akšamijas Arbeiten falsch einschätzen. Erst auf den zweiten Blick, wenn man sich auf den Hintergrund und die Idee einlässt, begreift man, dass sie ihre Arbeiten aus den Grundlagen der Religion selbst heraus entwickelt – dass sie vorführt, welche Möglichkeiten in der „Moschee“ als Konzept steckt, wenn man sie jenseits kultureller und gestalterischer Konventionen denkt. Wer dieses Konzept erst nimmt könnte nicht allein viel über den Islam und die Muslime lernen, sondern auch völlig neue Perspektiven auf den Moscheebau in Europas gewinnen.
Nach über zehn Jahren künstlerischer Tätigkeit, die das Themenfeld Moschee weit umkreiste, hat Akšamija nun eine Monographie vorgelegt, die Bilanz zieht, indem sie den politischen Aspekt ihrer Arbeit betont. Es ist, ganz allgemein gesprochen, die Aufforderung, hinter die Dinge zu schauen und sich nicht mit den Oberflächen zufriedenzugeben. Dass diese Arbeit auch ästhetisch reizvoll sein kann, ja sogar vermitteln kann zwischen Ost und West, Islam und Christentum, kommt hinzu. Akšamijas „Mosque Manifesto“ ist ein lohnendes Werk: als bibliophiles Objekt, als politisches Manifest und als Monographie einer faszinierenden Künstlerpersönlichkeit.

24.06.2016
Christian Welzbacher
Mosque Manifesto. Propositions for Spaces of Coexistence. Akšamija, Azra. Engl. 440 S. 117 Abb. 19 x 11 cm. Gb. Revolver Verlag, Berlin 2015. EUR 29,00.
ISBN 978-3-95763-299-9
 
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