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Constant – New Babylon

Constantijn Niewenhuis (1920-2005), der sich als Künstler Constant nannte, gehört als Mitgründer der Gruppe „Cobra“ zu den Schlüsselfiguren der Neoavantgarde, die sich bewusst auf die Strömungen der 1920er Jahre bezogen, sie weiterführten und für die Kunst nach 1945 fruchtbar machten. Obwohl sich Contant und seine Mitstreiter Asger Jorn oder Karel Appel schon früh wieder trennten, ist es doch vor allem der Cobra-Impuls, den die Kunstgeschichte zur Kenntnis genommen hat. Gleich danach wird Constant gemeinhin mit einer Serie von Arbeiten in Verbindung gebracht, die er mit dem Titel „New Babylon“ belegte: eine Sequenz aus Skulpturen, Modellen, Zeichnungen, Texten, Skizzen, Gemälden, die ihn von 1956 bis 1974 kontinuierlich beschäftigte.
„New Babylon“ ist weit mehr als ein Werkkomplex. Es ist die Quintessenz von Constants Schaffen. Und als solche wurde „New Babylon“ auch regelmäßig in Einzelausstellungen, Aufsätzen und Büchern gewürdigt. Das herrliche Haags Gemeentemuseum hatte also schon etliche Vorläufer, an die es anknüpfen konnte, um die Schau „Constant. New Babylon. To Us, Liberty“ einzurichten, deren Katalog es an dieser Stelle zu besprechen gilt.
Legen wir den Finger gleich in die Wunde: Der Katalog hat gegenüber dem bisherigen Kenntnisstand nichts, aber auch gar nichts Neues zu bieten. Das an sich wäre traurig genug, litte er nicht noch an einer gleich doppelten Selbstbeschränkung. Erstens: Constant scheint vor „New Babylon“ nicht recht existiert zu haben. Zweitens: Vor, neben und nach Constants „New Babylon“ scheint – von Rem Koolhaas´ Interview-Plattitüden abgesehen – auch nicht recht existiert zu haben. Das ist nicht nur falsch, ignorant und traurig. Es führt auch in Bezug auf den Ausstellungsgegenstand in die Katastrophe, weil es auf diese Weise unmöglich wird, „New Babylon“ zu verstehen.
Constants Kriegserlebnis war eminent wichtig für den wutgeladenen Cobra-Aufbruch. Gewalt und Chaos bestimmen die Themen aber auch den Gestus der frühen Bilder – und sie münden direkt in das Neue Babel, das auf ganz merkwürdige Weise eine Art invertierte Utopie ist, weil es – aus der Kriegserfahrung heraus – das Scheitern der Utopie mitdenkt, aber dabei doch mit den Mitteln der Utopisten der 1910er, 1920er, 1930er Jahre hantiert, diese gleichsam zitiert, paraphrasiert – und eben unter umgekehrten Vorzeichen verarbeitet. Man muß daher in dem schon zu Lebzeiten legendären Constant so etwas wie einen Vermittler zwischen den Futuristen und Konstruktivisten, den Marinettis, Ballas, Lissitzkys, Melikovs, Tatlins und anderen einerseits und Archigram, Archizoom, oder SITE andererseits sehen, die sich in ihren eigenen seit den späten 1950er Jahren entstandenen Arbeiten auf das Werk des Niederländers bezogen.
Doch das alles fehlt weitgehend – und was bleibt wirkt auf den Leser wie der Rumpf einer Contant-Hommage, die das Eigentliche vermissen lässt: den Künstler in einen Kontext zu stellen, der sein Werk als Herausragend erkennen lässt und plausibel macht. Nicht immer – das hätten die Kuratoren und Herausgeber mit bedenken können – ist der monographische Ansatz geeignet, Wesentliches zu erhellen. Wer also exemplarisch erkunden will, wie man einem grandiosen Thema die Spitze nimmt, indem man es zu eng, zu selektiv faßt, wer wissen will wie die Begleitpublikation einer Ausstellung scheitert, indem sie sich der Hoffnung verschreibt, ein monumentales, weithin bekanntes Werk wie „New Babylon“ spräche für sich – dem sei die Lektüre dieses Katalogs anempfohlen. Sie möge heilsam sein.

24.08.2016

Christian Welzbacher
Constant. New Babylon. Beitr.: Koolhaas, Rem; Text.: Constant; Gielen, Pascal; Stamps, Laura; Stokvis, Willemijn; van der Horst, Trudy; Wigley, Mark. Engl. 224 S. 260 Abb. 21 x 21 cm. Gb. Hatje Cantz, Berlin 2016. EUR 39,80.
ISBN 978-3-7757-4134-7
 
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