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Pioniere des Comic – Eine andere Avantgarde.

Pioniere des Comic

Comics hatten lange den Geschmack des Billigen, wenn ihnen nicht gar – wie in Deutschland – angedichtet wurde, die Jugend zu verderben. In den USA, wo sie seit 120 Jahren ein fester Bestandteil der Tageszeitungen sind, ging man da von jeher entspannter damit um und goutierte die exzentrischen Einfälle der Zeichner unbefangen. Bei uns erleben Bildergeschichten in den letzten Jahren immerhin als „Graphic Novel“ zunehmende Aufmerksamkeit, die sich sogar in den Feuilletons niederschlägt.
Der Autor des Buches und Kurator der Ausstellung in der Frankfurter Schirn in diesem Sommer, Alexander Braun, will die Pioniere des Comic als eine „andere Avantgarde“ verstanden wissen. Für seine Argumentation hat er die heute überaus seltenen, farbig gedruckten Beilagen der amerikanischen Sonntagszeitungen in einmaliger Fülle versammelt und bei Künstler wie Lyonel Feininger, George Harriman und Frank King sogar die originalen Vorlagen daneben stellen können. Aber was ist die „andere Avantgarde“? Eine bislang übersehene, die ebenso wie die Avantgarden der Malerei, Bildhauer, Fotografie und des Films eine neue Bildwelt des 20. Jahrhunderts geschaffen hat und dies vielleicht noch vor den Avantgarden der „Hochkunst“? Die Experimente mit der Simultaneität von Sinneswahrnehmungen, mit den Eindrücken der Großstadt oder die Erforschung des Unbewussten, die Braun zu Recht in den frühen Comics beobachtet, sind wohl weniger künstlerisches Programm, als außergewöhnlich feinfühlige Beobachtung des Zeitgenössischen. Die ausgestellten Comics haben es nicht nötig, avantgardistisch, bahnbrechend oder eben Kunst sein zu sollen.
Nun ist es aber eine althergebrachte Strategie, den Blick auf nicht gebührend Beachtetes zu öffnen, indem man es neben das Etablierte stellt, das womöglich sogar als besonders geistig hochwertig angesehen wird. Der Comic wird also zur avantgardistischen Kunstform aufgewertet. Dabei schießt Alexander Braun nur übers Ziel, wenn er etwa Frank Kings Gasoline Alley mit On Kawaras Datumsbildern vergleicht oder bei Cliff Sterret Anspielungen auf Marcel Duchamp entdeckt, die noch verborgener sind als Erwin Panofskys „disguised symbolism“. Aber gerade Sterret ist tatsächlich ein Beispiel dafür, wie sehr sich herausragende Zeichner von der Bilderwelt ihrer Zeit anregen ließen, zum Beispiel dem expressionistischen Film oder der zeitgenössischen Kunst, auch wenn es vielleicht eher der Art déco war, als Kandinskys gegenstandslose Bilder. Brauns Exkurse machen jedenfalls Lust, weiter in diese Richtung nachzudenken und den Comic nicht allein Comicspezialisten zu überlassen. Schade ist nur, dass er der amerikanischen Legendenbildung folgt und den Comic als rein US-amerikanische Erfindung sieht. Es steht noch die Comic-Geschichte aus, die den Bogen von Grandville über Töpffer, Ludwig Richter, Busch und den Bilderbogen bis hin zum Simplicissimus in die USA schlägt.
Nach der Ausstellung bleibt das Buch und das bezaubert durch seinen sorgfältigen Druck, die ganzseitigen Reproduktionen der Zeitungsseiten, die so wirklich lesbar sind, und die zahlreichen „close-ups“, die nicht nur die Handschrift der Zeichner erlebbar machen, sondern auch der an sich primitiven Technik des Vierfarbrasters eine besondere optische Tiefe geben. Das müssen wir nicht mehr von Roy Lichtenstein lernen, das können wir nun viel besser an den Reproduktionen der so rar gewordenen Originale – ein Augenöffner.

07.10.2016
Andreas Strobl
Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde. Hrsg.: Braun, Alexander; Hollein, Max; Text.: Braun, Alexander; Currier, David; Scheibitz, Thomas. 2016. 256 S. 400 Abb. 31 x 22 cm. Engl. Br. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2016. EUR 35,00.
ISBN 978-3-7757-4110-1
 
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