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Otto Mueller – Catalogue raisonné

Es ist schon erstaunlich, dass zu einigen der wichtigsten Künstlern der Klassischen Moderne in Deutschland noch immer gültige Werkverzeichnisse fehlen, die dem Kunstmarkt Sicherheit über Authentizität und Provenienz bieten: Bei den Gemälden Ernst Ludwig Kirchners sind Handel und Sammler noch immer auf den längst unzulänglich gewordenen „kritischen Katalog“ von Donald E. Gordon von 1968 angewiesen. Die Herausgabe des Werkverzeichnisses der Gemälde Karl Schmidt-Rottluffs hat sich die Nachlassstiftung des Künstlers zur Aufgabe gemacht, doch auch Jahrzehnte nach ihrer Gründung ist ein Erscheinen nicht absehbar. Zu Lyonel Feininger ist der erste Teil des Catalogue raisonnés, der zunächst die Gemälde bis 1918 mit den wichtigsten Angaben verzeichnet, seit einigen Monaten zumindest online zugänglich (www.feiningerproject.org).
Dabei hat die Kunsthistorikerin Aya Soika mit dem 2011 bei Hirmer erschienenen Werkverzeichnis der Ölgemälde Max Pechsteins Maßstäbe gesetzt: Das zweibändige Werk, in enger Zusammenarbeit mit der Familie und „Urhebergemeinschaft“ des Künstlers herausgegeben, ist nicht nur zum gültigen Repertorium zum Werk des Malers geworden, sondern auch zu einem Vorbild für künftige Publikationen. Diesem hohen Anspruch konnte das im selben Verlag 2017 von Andreas Hüneke vorgelegte „Werkverzeichnis der Gemälde, Wandbilder und Skulpturen“ Erich Heckels leider nicht durchweg standhalten.

Im Leipziger E.A. Seemann Verlag erschien im Frühjahr 2020 nun der ebenfalls zweibändige Werkkatalog zu Pechsteins und Heckels Weggefährten Otto Mueller. Im Gegensatz zu den beiden Erstgenannten ist Mueller schon 1930, fünfundfünfzigjährig verstorben, so dass die Bearbeiter ein überschaubares Werk zu berücksichtigen hatten. Ihr zweibändiger Catalogue raisonné kann daher – neben den Gemälden im ersten Band – auch die Zeichnungen und Aquarelle des Künstlers aufnehmen.
Tanja Pirsig-Marschall und Mario-Andreas von Lüttichau, zwei erfahrene Kunsthistoriker mit jahrzehntelanger Museumspraxis, hatten noch einen weiteren Vorteil: Ihr Werkverzeichnis war zunächst 2003, als eine Art beta-Version, erschienen, die als CD-Rom einem Teil des bei Prestel verlegten Ausstellungskatalogs „Otto Mueller“ der Münchner Hypo-Kulturstiftung beigelegt war. Dadurch hatte das Autorenteam die Möglichkeit, Ergänzungen, Korrekturen und Veränderungen einer ersten Version in die nun erstmals gedruckt erschienene Fassung aufzunehmen. Otto Mueller ist damit der erste der Brücke-Expressionisten, zu dem nicht nur ein gültiger Werkkatalog der Gemälde, sondern auch seiner Arbeiten auf Papier vorliegt.
Die beiden Bände sind in farbig bedrucktem Ganzleinen gebunden, so dass sie der zu erwartenden jahrelangen Benutzung standhalten können. Die Abbildungen sind zumeist exzellent gedruckt, sofern es sich nicht um Übernahmen aus Auktionskatalogen handelt (bei denen bisweilen eher die Rasterpunkte der Bildvorlage als die für den Maler so typische Struktur der groben Rupfen-Leinwand sichtbar ist).
Wie bei heutigen Werkverzeichnissen üblich und notwendig, werden zu jedem Werk neben Titel, Datierung, Material, Technik, Ausstellungschronologie und Literatur auch die bislang bekannten Angaben zur Provenienz aufgeführt, was für Handel und weitere Provenienzforschung essentiell ist.
Ein besonderer Gewinn ist der zweite Band des Werkkatalogs, der erstmals in dieser umfassenden Form einen Überblick über die Zeichnungen und Pastelle des Künstlers bietet – was nicht nur den Korpus seines Oeuvres, sondern auch das Wissen um die Motivvielfalt Otto Muellers erweitert. Mehr noch als in seinen Gemälden wird hier die Entwicklung seines Lebensthemas – das Sujet der Badenden – aus den Anfängen des Malers und Zeichners im Umkreis des Jugendstils deutlich, sein Suchen und Experimentieren und die künstlerische Nähe zu den befreundeten Brücke-Malern.
Auch wenn sein Werk – aufgrund der relativ überschaubaren Schaffensjahre und eines recht eingeschränkten Motivrepertoires – weniger abwechslungsreich als das von Kirchner, Heckel oder Pechstein ist, fasziniert der nun erstmals ermöglichte Blick auf ein Lebenswerk. Vor allem die über 800 Abbildungen von Werken, die man als Ausstellungsbesucher nie in dieser Dichte erleben wird, ermöglichen die Entdeckung eines herausragenden Koloristen.

16.06.2020
Rainer Stamm
Otto Mueller. Catalogue Raisonné. Band I: Gemälde/Paintings, Band II: Zeichnungen und Aquarelle/Drawings and Watercolours. Pirsig-Marshall, Tanja; von Lüttichau, Mario-Andreas. Dtsch; Engl. 616 S. Bd.I 328 Seiten, 295 fb. und s/w Abb.; Bd.II 288 Seiten, 587 fb. und s/w Abb. E.A. Seemann Verlag, Leipzig 2020. EUR. 198,00.
ISBN 978-3-86502-423-7
 
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