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Aufheben, wegwerfen – Vom Umgang mit schönen Dingen

Als Kind begegnete ich einige wenige Male einem geheimnisvoll-riesigen dunklen Schrank, in dem mein Großvater alle persönlichen Dinge aufbewahrte, die er als offenbar geborener Sammler jemals in seinem Leben gehortet hatte. Tagebücher, Andenken, wenige Briefe der im Krieg eingezogenen Söhne, Fotografien, etc. Menschen sind offenbar Wesen, die ohne gesammelte Dinge und vor allem die schönen Erinnerungen, die wir mit ihnen assoziieren, später einfach nicht leben können. Doch warum eigentlich? Was scheinen uns diese schönen Dinge zu versprechen? Unser eigener Umgang mit schönen Dingen erzählt mehr über unseren Glauben an Schönheit und unser Erinnerungsvermögen als wir uns selbst eingestehen wollen. In seinem schmalen, 170 Seiten umfassenden Taschenbuch entwirft der renommierte, an der Universität Luzern lehrende Historiker Valentin Groebener eine ebenso persönliche wie auch mehrdeutig vielsagende Geschichte "Vom Umgang mit schönen Dingen".

Der große Reiz dieses kleinen, anspruchsvoll recherchierten und schön gemachten Bandes liegt in einer nicht gerade trivialen Erkenntnis: Dass sich im Umgang mit schönen Dingen überraschend reichhaltige Dimensionen einer visuellen Kulturgeschichte der menschlichen Zivilisation von frühen Sammelerfahrungen bis in den postmodernen Überfluss der Jetztzeit offenbaren. "In meinen Schubladen häufe ich wie ein manisches Eichhörnchen immer wieder Vorratsnester derselben Dinge als Akkumulationen von schönem Leben und guter Praxis ... Das Beste hebe ich immer auf, für irgendwann später." Dem Autor gelingt es dabei mit leichter Hand komplexe historische und gegenwärtige Aspekte wie etwa die Geschichte und Funktion von Talismanen oder die Wirkungen des Schönen in der Psyche ihrer BesitzerInnen ebenso spannend zu erzählen wie das Phänomen der „eleganten Leere“, in dem die Schönheit von erlesenen Dingen dann umso mehr zum Vorschein kommt. Dass dabei dieser Band offenbar sehr bewusst ganz ohne Bilder seine Leserinnen erreicht, ist vielleicht auch eine Botschaft für unsere durch grenzenlose Überfülle geprägte Warengesellschaft. Wahre Schönheit ist unsichtbar, extrem selten und findet am Ende plötzlich in unserer Erinnerung statt. Wie schön wäre es gewesen, wenn die geliebten aber leider verloren gegangenen Bücher meiner Kindheit heute noch einmal lesen könnte. Vor allem für alle SammlerInnen wird dieses Büchlein zu einem Blick in den Spiegel der eigenen Leidenschaften für das jeweils eigene Schöne ....

02.04.2023
Michael Kröger
Vom Umgang mit schönen Dingen. Essay [KUP]. Groebner, Valentin. Aufheben, Wegwerfen. Deutsch. 150 S. 17 x 10,5 cm. Gb. Konstanzer Universitäts Verlag, 2023. EUR 20,00.
ISBN 978-3-8353-9157-4
 
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