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Kunst und Kunstgeschichte im Nationalsozialismus

In den letzten Jahren wurde verstärkt die Rolle von Künstlern und Geisteswissenschaftlern Im Zeitraum von 1933 bis 1945 öffentlich diskutiert. Meist stand dabei das Verhalten von einzelnen Personen im Vordergrund, erinnert sei nur an die Rothfels-Debatte bei den Historikern, bei den Germanisten standen Peter Wapnewski (*1922) und Walter Jens (*1923) im Fokus. Auch das Fach Kunstgeschichte vermehrt Anstrengungen in der Untersuchung des Verhaltens ihres Fachpersonals. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützte dies, unter dem Kürzel GKNS geführte Projekt, mit einer zweijährigen Förderung. Erste Ergebnisse wurden auf einer Tagung in der Universität Bonn 2006 präsentiert. Ein Sammelband, herausgegeben von Ruth Heftrig, Olaf Peters und Barbara Schellewald, dokumentiert die Beiträge, die sich auch an Kunsthistoriker an Hochschulen wenden, sich der eigenen Institutsgeschichte während des Nationalsozialismus anzunehmen. Aufmerksam dürfte der Beiträger im Tagungsband, Frank-Rutger Hausmann, die jüngste Publikation von Ernst Klee, ein „Kulturlexikon zum Dritten Reiche“ rezipiert haben, merkte er doch an, es bestünde auch zu diesem Aspekt noch Forschungs- und Aufklärungsbedarf. Zwar enthielt auch der Vorgänger des Kulturlexikons, das „Personenlexikon zum Dritten Reich“ Einträge zu Personal aus dem Bereich der Kultur, aber, so Klee, es erwies sich als ausbaufähig.

In das Magazin der Zeit gestiegen

Die Aufarbeitung der kunsthistorischen Fachgeschichte hinsichtlich Methodik und Praxis steht erst am Anfang und daher beginnen die Herausgeber des Tagungsbandes mit allgemeinen Betrachtungen zu Forschungsperspektiven und skizzieren den Zuschnitt, der in diesem Band behandelten Fragestellungen. Im ersten Kapitel geht es sowohl um einen Rückblick auf bisherige Forschungen als auch um Ausblick zur Erarbeitung der kunsthistorischen Fachgeschichte in drei Beiträgen. Biographisch geht es im zweiten Kapitel weiter, exemplarisch der Zugriff in sieben Beiträgen. So befasst sich Dietrich Schubert mit den Heidelberger Kunsthistorikern August Grisebach, Hubert Schrade und Walter Paatz und Andreas Zeisings Beitrag gilt dem heute fast vergessenen Schriftsteller und Kunstkritiker Paul Fechter. Mit dem Aufsatz zu Fechter wird deutlich, dass nicht allein zu akademischen Fachvertretern geforscht wurde, sondern es stehen auch kunstpraktische Fragen zur Debatte, Kunstkritik ebenso wie Museums- und Verlagspolitik, hier am Beispiel des Verlages F. Bruckmann. Behandelt wird dieser Aspekt jedoch im dritten Kapitel, das sich mit Methodik, Terminologie und Vermittlung einer „deutschen“ Kunstgeschichte beschäftigt und von sieben Beiträgern bearbeitet wurde. Mit Fragen im Bereich von Denkmalsschutz, Kunsthandel und Kunstschutz befassen sich in der vierten Abteilung fünf Beiträge.

Schriften zur modernen Kunsthistoriographie

Die Fülle des präsentierten Materials ist beeindruckend, ein Überblick ist konzeptionell nicht intendiert und daher richtet sich der Band vor allem an Kunsthistoriker und Interessierte, die Vorkenntnisse mitbringen. Zugleich wird mit diesem Band eine Reihe von „Schriften zur modernen Kunsthistoriographie“ eröffnet, die institutionell von der 2007 gegründeten „Gesellschaft zur Förderung moderner Kunsthistoriographie e.V.“ getragen wird. Ein Schwerpunkt wird sein, Entwicklungstendenzen der Kunstgeschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts zu ermitteln. Wie schon im ersten Band, so sollen auch mit den weiteren das Feld akademischer Disziplingeschichte überschritten werden. Es sollen daher auch Entwicklungen in den Bereichen Museum, Kunstkritik, Kunstmarkt, Kunstvermittlung, Denkmalpflege, ebenso in deren Interdependenz, dargestellt werden.

Feldforschung 1

Da das Forschungsfeld der Kunsthistorik inhaltlich und methodisch mehrdimensional angelegt ist, können hier nicht alle Beiträge angesprochen werden. Eingehender erörtert werden sollen daher hier lediglich zwei Einzelbeiträge Der erste kommt von Frank-Rutger Hausmann, der sich mit zwei grundlegenden Aspekten des Forschungsvorhabens zur Kunst und Kunstgeschichte im Nationalsozialismus beschäftigt. Gilt der erste Teil Fragen nach dem Sinn einer Fachgeschichtsschreibung, so benennt er im zweiten Teil Forschungsdesiderate.

Politisch opportun ist eine Selbstvergewisserung der eigenen Disziplin allemal, die aber hat Hausmann weniger im Sinn als über eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Fachs dieses zukunftsfähig zu machen.. Heute bedeutet dies auch, die eigene Nützlichkeit zu betonen und Hausmann führt daher einige Beispiele an: „Standortbestimmung, Evaluation, Vermeidung von Irrtümern und Wiederholungen, Prognostik von Innovation sowie Beratung von außeruniversitären Einrichtungen.“ Hausmann ahnt auch, dass diese Thematik seit einiger Zeit fachintern nicht en vogue ist, vielmehr Themen wie Hybridisierungs- und Transkriptionsphänomene auf der Agenda stehen, beharrt aber auch deshalb auf diesem Projekt, weil zur Kunstgeschichte auch Kunsthistoriographie gehört, die spannend sein kann, wie ein von Hausmann gewähltes Beispiel zeigt, das die Ausführungen des Germanisten Eberhard Lämmert gilt, der Politisches und Wissenschaftsgeschichte geschickt verbindet. So führt Lämmert die prononcierte Betonung des „Deutschen“ in der Germanistik auf mangelnde staatliche Einheit zurück. Damit gerät Lämmert unversehens in die sozialwissenschaftliche Debatte vom deutschen Sonderweg. Dieser ist aber nicht nur in einem Mangel an Einheit, sondern auch in einer mangelnden freiheitlichen Staatsauffassung und Staatsverfassung zu suchen. Wie auch immer, als Folge der Betonung des Deutschen in den Geisteswissenschaften, zeitigte dies weitere Folgen, thematisch konzentrierten sich die Geisteswissenschaften auf Vergangenheit und ließen es an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ fehlen, bzw. überbewerteten im Nationalsozialismus dann das „Volklich-Germanische“. Auch dies zeitige wiederum Folgen, international verspielten die Geisteswissenschaften ihr bis dahin erworbenes Ansehen. Wie es um dieses heute steht, ist bei Hausmann nicht ganz auszumachen, denn nach 1945 nahmen sich, zumindest in der Kunsthistorik, nur wenige des ‚dunklen‘ Kapitels der Fachgeschichte an, seien es vornehmlich „Außenseiter“ oder junge Forscher „am Beginn ihrer Karriere“. Einige Aspekte, so Hausmann, seien zwar inzwischen bearbeitet, insgesamt aber bleibe noch viel zu tun.

Ein wenig genauer hätte Hausmann allerdings einige Aspekte betonen können. Wenn auch fachfremd, zu Kunst und Kultur bzw. deren politischer Funktionalität, liegen inzwischen einige Forschungen aus den Sozialwissenschaften vor. Sodann, von Hausmann als „Sonderfall“ behandelt, schwenkten nicht „die Kirchen“ auf den Kurs der Reichskunstkammer ein, sondern, im Fall der Protestanten, spaltete sich die Kirche in die regimekonforme Reichskirche, Träger waren die „Deutschen Christen“ und die oppositionelle Bekennende Kirche. Im letzten Abschnitt seiner sehr interessanten Abhandlung geht Hausmann auf die Kunst ein. Bis auf den Bereich der Architektur, die „eine der wenigen ‚originellen‘ Leistungen des Nationalsozialismus“ darstelle, gab es keine „offizielle „Kultur des Dritten Reiches““, sondern „allenfalls eine „offiziöse „Kultur im Dritten Reich“, deren Verantwortliche sich nur in der Ablehnung „jeglicher Form von abstrakter Kunst“ einig waren. Auch zu einem weiteren Punkt, den Charakter des Nationalsozialismus, die Verflechtung von Moderne und Antimoderne betreffend, mag die Politikwissenschaft genauer als Hausmann Auskunft geben. Diese konnte einen relativ großen Konsens herstellen, den Nationalsozialismus als „reaktionäre Modernisierung“ zu fassen.

Feldforschung 2

Dem Wirken des Kunstkritikers Paul Fechter (1880-1958), der auch im Nachkriegsdeutschland noch recht populär war, geht Andreas Zeising für den Zeitraum von 1933 bis 1945 in einer biographischen Skizze nach. Da Fechter nicht „der akademischen Zunft angehörte“, so der Autor, finden sich allenfalls in literaturgeschichtlichen, nicht jedoch in kunstgeschichtlichen Lexika, Einträge zu ihm. Auch fehlt eine systematische Studie zur Kunstkritik im Nationalsozialismus und so tastet sich Zeising an dieses Thema heran. Als Fachfremder begann Fechter im Kaiserreich Kritiken zu schreiben, wurde 1914 mit einer Arbeit zum Expressionismus einem größeren Publikum bekannt und schrieb, bei wechselnden Presseorganen, Kunst- und Theaterkritiken. Zeising versucht in seiner Skizze sowohl Fechters politische als auch kunstpolitische Entwicklung nachzuzeichnen und greift dazu bis in die 1920er Jahre zurück, als Fechter sich der rechtsgerichteten Konservativen Revolution anschloss, die maßgeblich gegen die Weimarer Republik agitierte. Fechter geriet um 1933/34 in die Mühlen des internen nationalsozialistischen Kulturkampfs zwischen Goebbels und Rosenberg. Auch die Kunstkritik wurde insofern abgeschafft als ein Kunstbericht gefordert wurde. Fechter ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie schwierig es ist, manche politische und künstlerische Positionen damaligen Personals zu beschreiben, fehlt es doch an Quellenmaterial, aber vor allem, war es durchaus, so wie bei Fechter, möglich, Barlach und den Expressionismus zu verteidigen, gleichzeitig ein Verdikt über den Impressionismus auszusprechen und auf Entfernung von Bildern von Otto Dix zu dringen. Trotz Quellenprobleme kann Zeising sehr schön zeigen, dass es zwischen Fechter und der nationalsozialistischen Ideologie „signifikante Übereinstimmungen“ gibt, gezeigt an dessen Begrüßung der Monumentalbauten des „Dritten Reiches“. Natürlich spielt bei all diesen Ausführungen eine Rolle, ob Fechter sich, bei innerer Distanzierung, nur äußerlich anpaßte. So jedenfalls sieht es seine Tochter Sabine. Darüber ließe sich jedoch nichts sagen, meint Zeising und positioniert Fechter in einer Grauzone und vermeidet, Fechter zur Inneren Emigration zu zählen.

Feldforschung 3

Im Vorwort seines Kulturlexikons benennt Klee zunächst Gegenstand und Reichweite seiner Einträge. Aufgenommen wurden Personen aus den Bereichen Literatur, Musik, Film, Theater und bildende Kunst (inklusive Architektur, Design) und Vordenker der NS-Ideologie, Mitglieder des Hochadels und Personen, die für die NS- oder Nachkriegskultur wichtig waren. Ebenfalls Aufnahme fanden Journalisten, Lehrer in künstlerischen Berufen, aber auch Kunsthistoriker, am Kunst- und Kulturraub beteiligte Täter. Hier hat der von Klee so bezeichnete „Kunsträuber“ Kurt Behr seinen Platz, ferner fanden Aufnahme auch Philosophen und in Archiven und Kultur- bzw. Kunsteinrichtungen Beschäftigte. Insgesamt bringt es Klee auf 4000 Einträge in den Kategorien Täter, Opfer, Funktionsträger, Mitläufer und Personen des inneren und äußeren Exils. Jugendlichem Leichtsinn gegenüber zeigt sich Klee großzügig, da er nur Geburtsjahrgänge ab 1924 erfasst, umgekehrt schließt er sich im Fall des Kriteriums Mitgliedschaft in der NSDAP einem nicht unumstrittenen Votum des Historikers Michael Buddrus von 2003 an, der sich auf ein Gutachten des renommierten Instituts für Zeitgeschichte stützt und klarstellt, dass es unmöglich war „ohne eigenes Zutun Mitglied der NSDAP zu werden.“ Zeitlich bewegt sich Klee zum Teil weit zurück, da auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) aufgenommen wurde. Diese Aufnahme begründet damit Klee, dass dessen Studie „Schriften wider Juden und Türken“, 1936 und 1938 wieder aufgelegt wurde, pikanterweise in einem Verlag der oppositionellen Bekennenden Kirche, nach 1945 aber in Luther-Ausgaben unterschlagen wurde. Geographisch ist Klee in ganz Europa unterwegs. Dieser Zuschnitt ergibt sich aus der damaligen politischen Lage, sodann kommen weitere Personen, Ausländer, hinzu, die in Deutschland und in dessen besetzten Gebieten arbeiteten, sich positiv oder negativ zum Nationalsozialismus äußerten oder in den Widerstand gingen. So fanden die Schauspieler Peter Lorre (*Ungarn) oder Johannes Heesters (*Niederlande) ebenso Aufnahme wie der Schriftsteller Otto Hauser (*Kroatien), der eine anti-jüdische Schmähschrift verfasste.

Die Namenseinträge im Kulturlexikon enthalten Geburts- und Todestag und – im Falle der Opfer- auch den Ort, an dem sie getötet wurden. Sodann wird kurz auf die Herkunft und auf weitere relevante Lebensstationen mit Funktionsbezeichnungen eingegangen, es werden ferner markante Zitate angeführt, die helfen, den Genannten ideell zu verorten und es werden einige von den genannten Personen geschaffene Werke genannt, sowie abschließend, bibliographische Angaben gemacht. Wo immer es möglich war notierte Klee auch, wenn es richtungsweisende Veränderungen in der jeweiligen institutionellen und ideellen Position gab. Im Lexikon finden sich so bekannte Namen wie Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Max Beckmann, Ernst Barlach, aus dem Bereich Schauspiel/Film sind Hans Albers, Magda Schneider und Leni Riefenstahl dabei, im Bereich Musik Herbert von Karajan und Wilhelm Furtwängler, ergänzt um Personal aus der Belletristik wie Marie-Luise Kaschnitz, auch der Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs, Paul Bonatz, findet sich ein, wie Paul Schultze-Naumburg, auf den der sogenannten „Heimatstil“ zurückgeht. Das Gros des von Klee behandelten Personals ist heute jedoch weitgehend unbekannt oder nur noch in bestimmten Zusammenhängen präsent, so etwa der Komponist Rudi Goguel, der das in der Linken populäre „Moorsoldatenlied“ komponierte. Den Band schließt ein Apparat ab, der ein ausführliches Literatur- Quellen- und Abkürzungsverzeichnis , sowie ein Begriffslexikon und ein Verzeichnis der SS- und – sonstigen militärischen Ränge enthält.

Fazit

Großes Aufsehen erregte Ernst Klee mit dem Personenlexikon, nicht weniger brisant allerdings ist das Kulturlexikon. Zwar wurde zu einzelnen Berufsgruppen geforscht, zu denken ist dabei an Werner Durths Veröffentlichungen in Publikumsverlagen zum Verhalten der Architekten, in anderen Fällen weiß eine interessierte Öffentlichkeit deshalb viel, weil die Personen überlebten, aus dem Exil zurückkehrten oder sich aus Aufnahmeländern in der deutschen Öffentlichkeit zu Wort meldeten. Aber es gibt noch viele blinde Flecke und immer wieder werden neue Entdeckungen gemacht. So gelang es erst 2005 der Literaturwissenschaftlerin Monika Marose Leben und Werk des Schriftstellers Felix Hartlaub (*1913-verschwunden 1945) bekannter zu machen, bei Klee findet dessen Vater, der weniger bekannte Kunsthistoriker, Gustav Friedrich Hartlaub (1886-1963) Erwähnung, wurde er doch 1933 als Direktor der Städtischen Kunsthalle Mannheim und Förderer „entarteter Kunst“ entlassen. Sowohl der Tagungsband als auch die große Einzelleistung von Klee lassen Umrisse von Umfang und Stärke des nationalsozialistischen Kultursturms ebenso erkennen, wie Kontinuitäten und Brüche individueller Karrieren über politische Veränderungen hinweg.
1.8.2008

Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 720 S. 21 x 14 cm. Gb S. Fischer, Frankfurt 2007. EUR 29,90 ISBN 3-10-039326-0

Sigrid Gaisreiter
Kunstgeschichte im „Dritten Reich“. Bd. 1. Theorien, Methoden, Praktiken. Hrsg. Ruth Heftig, Olaf Peters, Barbara Schellewald. 416 S., 80 Abb., 17 x 24 cm, Gb., Akademie Verlag, Berlin 2008. EUR 49,80
ISBN 978-3-05-004448-4
 
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