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Ende gut – alles gut im Handbuch Fin de Siècle

Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert steht im Zeichen einer eigentümlichen Verschränkung von Ende und Anfang. Philosophen und Künstler betrachteten diese Zeit als „Decadénce“, Optimisten, Glücksritter und Finanzbarone genossen sie als „Belle Epoque“ und Pessimisten betrauerten sie als „Fin de siècle“, als Spätzeit, vorherrschend wurde ein Endzeitgefühl, eine Mischung aus apathischer Mutlosigkeit, Scheitern, Depression und apokalyptischen Vorstellungen. In Titeln wie „Müde Seelen“ (Arne Garborg) oder „Nie wieder Höhenluft“ oder „Die 21 Tage eines Neurasthenikers“ (Ocatve Mirbeau) wird diese Gemütslage pointiert auf den Punkt gebracht. Auch die Bohemienne Franziska von Reventlow (1871-1918) gehört zu dieser Gruppe und spricht in ihrer kleinen, jüngst neu aufgelegten, Männertypologie „Von Paul zu Pedro“ von einer „schwarzen Stimmung“. Es gilt also eine Vielzahl von gegenstrebigen Strömungen, Moden, Lebensstilen, Befindlichkeiten zu berücksichtigen, will man einen Überblick über diesen Zeitabschnitt bekommen, der eine ebenso große künstlerische, literarische und stilistische Vielfalt hervorbrachte. Mit ihrem „Handbuch Fin de Siècle“ griffen Sabine Haupt und Stefan Bodo Würffel hier ordnend ein und beschränken sich dabei nicht auf den deutschsprachigen Raum, sondern beleuchten ein gesamteuropäisches Phänomen. Vom Ansatz her war dies schon deshalb eine kluge Entscheidung, da die Künstler häufig grenzüberschreitend vernetzt waren.

In der vierzig Seiten umfassenden Einleitung gelingt Würffel ein informativer Überblick, gegliedert in Politik, Gesellschaft und Kunst und Kultur, über jene Epoche, die in Deutschland auch als die „Wilhelminische Zeit“ (1888-1914) bezeichnet wird. Dabei gelingt es dem Autor die gegenläufigen Bewegungen von Reaktion und Avantgarde als eine Auseinandersetzung der Kräfte zweier Welten zu porträtieren. Es standen sich die „Welt von Gestern“ und die „Welt von Morgen“, die Moderne, gegenüber. Darauf folgt im Kapitel „Europäisches Umfeld“ nach einer zeitgeschichtlichen Skizze, die Volker Reinhardt verantwortete, ein Beitrag von Haupt im „Länderpanorama.“ Beleuchtet werden darin Situation, kulturelle Strömungen und Kräfte in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Italien, Spanien, Portugal, Russland, Weißrussland, der Ukraine, Georgien, Armenien, Polen, Böhmen, Mähren, Slowakei, der Lausitz, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Mazedonien, Albanien, Ungarn, Rumänien, Griechenland, Skandinavien, Finnland und dem Baltikum. Dieser Teil ist insgesamt etwas knapp ausgefallen, bietet aber einen guten Einstieg in die europäische Dimension, die auch in einem der nächsten Unterkapitel „Geistige Zentren“ angesprochen wird. Selbstredend beginnt dieser Abschnitt mit Paris, das für sich bis jüngst beanspruchte, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts zu sein. Dass es auch, neben dem Impressionismus, andere Wege in die Moderne gibt, wird inzwischen auch von einigen Kunsthistorikern in Frankreich geteilt. Sie verweisen auf den Wiener Weg mit Gustav Klimt und Koloman Moser. Trotz alledem macht es Sinn, diesen Abschnitt mit Paris zu beginnen. Als Städte und Stätten der Moderne gelten, neben Wien, dann noch Berlin, München, London, Prag und St.Petersburg. Dass die Durchsetzung der Moderne gelang, das zeigte unlängst Christoph Wilhelmi in seiner grandiosen, dreibändigen, Untersuchung zu Künstlergruppen, war, bei aller Bedeutung des Werks Einzelner, nur als kollektives Zusammenspiel möglich. Dass sich die Herausgeber auf die Vorstellung einiger der vielen Künstlergruppen und Künstlerkreise beschränken mussten, liegt in der Natur eines Überblicks und spricht nicht gegen das Handbuch, sondern dafür, sich in das Handbuch der europäischen Künstlergruppen seit 1900 zu vertiefen.

Der Topos der „femme fatale“ wird im Unterkapitel „Themen und Motive“, den Haupt bearbeitete, zusammen mit Irrationalismus und Ästhetizismus, das „Ich als ein Kunstwerk“, ebenso angesprochen, wie etwa der „Moloch Stadt“, „Nervenkunst“ oder „Sprachzweifel und Sprachmagie“. Selbstredend wird auf „Schreibende Frauen“ auf „libertäre und theosophische Strömungen“ und – besonders gelungen – auf die „deutsch-jüdische Kulturgemeinschaft“ hingewiesen. In insgesamt acht Kapiteln werden wichtige Aspekte aus Politik, Kultur und Gesellschaft bearbeitet. Wie in anderen Teilen auch, gelang es den Herausgebern die weiteren Autoren dieses Handbuchs auf eine gut verständliche Darstellung festzulegen.

Der dritte Teil befasst sich mit der Literatur des fin de siècle, der vierte mit den Künsten Städtebau, Malerei und Skulptur, Musik und Tanz, den Abschluss bildet das Kapitel zu den Wissenschaften (Philosophie, Psychoanalyse, Gesellschaftstheorien, Geschichte, Technik und Kultur und Medizin und Biologie). Über Gewichtungen in Handbüchern lässt sich häufig debattieren, allein die Fülle des Stoffes zu bewältigen und sinnvoll zu strukturieren, verlangt den Herausgebern und Autoren viel ab. Dies wird etwa im Bereich der Kunst besonders anschaulich durch das abgedruckte genealogische Schema der „Kunstismen in Europa zwischen 1890 und 1935“: Surrealism, Dadaism, Expressionism, Futurism, De Stijl and Neoplasticism, Constructivism, Suprematism, Orphism, Cubism, Fauvism, Neo-Impressionism, Synthetism, Purism, Near Eastern Art, Japanese Prints, Negro Sculpture und Machine Esthetic.

Als Überblick gelungen, bietet dieses Handbuch für Interessierte zahlreiche Hilfestellungen. So erlauben Querverweise sich ein Thema in verschiedenen Zusammenhängen zu erschließen. Im Anhang separat aufgelistet sind wichtige Gruppierungen und Strömungen ebenso wie bio-bibliographische Hinweise zu Lebensläufen maßgeblicher Personen um 1900. Am Ende jedes Kapitels gibt es ein Literaturverzeichnis, sodann ein Mitarbeiterverzeichnis und allgemeines Personenregister. Ein wenig allerdings gäbe es z.B. bei den Literaturhinweisen nachzubessern. So fehlt bei Leopold Andrian vollständig ein Hinweis auf die Gesamtausgabe, die der Igel Verlag vorgelegt hat. Dies ist schon deshalb schwer nachzuvollziehen, da beim Eintrag zu Richard-Beer-Hofmann auf die im gleichen Verlag erscheinende Gesamtausgabe hingewiesen wird. Auch bei Franz Blei fehlt die jüngst erschienene Autobiographie im Verlag Zsolnay. Dies betrifft auch Einträge zu Hedwig Dohm, Ernst Haeckel, Georg Heym, Eduard von Keyserling, Alfred Kubin und weitere. Viel zu knapp behandelt wurden auch Felix Salten und die großen Berliner Feuilletonisten Victor Auburtin, Franz Hessel, Béla Balasz, ein Hinweis auf Arthur Eloesser (1870-1938) fehlt komplett. Diese Riege versammelt mit großer Geduld seit vielen Jahren der Verleger Peter Moses-Krause in seinem Verlag Das Arsenal. Eloesser flaniert in „Die Straße meiner Jugend“ in der darin enthaltenen Geschichte „Unter den Linden“ auf dem gleichnamigen Berliner Boulevard. Dabei registriert er sensibel jenen Umbruch zur Moderne, der einen Sozialtyp, den Flaneur, der ebenso wie der Dilettant, der Dandy oder der Bohemien zum Figurenpersonal jener Zeit gehört, zum Verschwinden bringt. Im Unterschied zur hektischen Betriebsamkeit der Moderne, gilt dem Flaneur die Langsamkeit als Lebensform. Ein Loblied darauf stimmt ein anderer großer Feuilletonist, Hans Siemsen (1891-1969), in den zwanziger Jahren mit „Langsam! Langsam! an. Auch Oscar A. Schmitz geht es in München ähnlich wie den Berlinern, er tritt im Handbuch als Randfigur auf und ist doch mittendrin in der Münchner Bohème. Zu besichtigen wäre dies in der Ausgabe seiner Werke, die beim Aufbau Verlag jüngst erschienen. Vorgearbeitet hat aber ein anderer Kleinverleger, Stefan Weidle, in dessen Verlag 1998 der Schlüsselroman zur Münchner Kunstszene erschien. Oscar A.H.Schmitz (1873-1931) war der Schwager von Alfred Kubin. Dieser illustrierte einige seiner Werke und der Roman „Bürgerliche Bohème“ ist wiederum Kubin zugeignet. Hier treten, rund um die künstlerische Ausbildung einer Bürgerstochter, Amélie, alle auf, die in der Münchner Kunstszene Rang und Namen hatten und im klugen Nachwort von Monika Dimpfl und Carl-Ludwig Reichert mit Klarnamen genannt werden.

Mit „Gegen den Strich“ gelang es Joris Karl Huysmans die Bibel der Dekadenten zu schaffen, ein Endspiel intonierte Alfred Kubin in „Die andere Seite“, aus Italien schickten Francesca Cagianelli und Dario Matteoni ein opulent ausgestattetes Werk zur italienischen „Belle Epoque“ auf Reisen – die Welt um 1900 ist auf dem deutschsprachigen Buchmarkt präsenter denn je. Hier hat das Handbuch seinen Platz, eine erste Übersicht zu verschaffen. Dies ist gut gelungen. Mit Franz Hessel bleibt zu sagen, sowohl das Handbuch als auch die Bücher der engagierten Kleinverlage bieten, als beeindruckendes Panorama des Fin de siècle, „Ermunterungen zum Genuss.“
30.1.2009

Arthur Eloesser (1987) Die Straße meiner Jugend. Berliner Skizzen. kart. 121 S., 20 s/w Abb., Berlin. Verlag Das Arsenal. EUR 9,00. ISBN: 3-921810-80-9

Franziska von Reventlow (2008) Von Paul zu Pedro. geb., 108 S., Zürich. Verlag Manesse. EUR 12,90. ISBN: 978-37175-4074-8

Oscar A.H.Schmitz (1998) Bürgerliche Bohème. geb., 445 S., Bonn. Weidle Verlag. EUR 21,00 ISBN: 3-931135-33-0
Sigrid Gaisreiter
Handbuch - Fin de Siécle. Hrsg.: Sabine Haupt, Stefan Bodo Würffel. 2008. 960 S., 32 Abb., 21,6 x 14,5 cm. Ln., Kröner Verlag, Stuttgart 2008. EUR 49.00
ISBN 978-3-520-83301-3
 
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