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Luftbildatlas Entlang der Berliner Mauer

Noch ein Buch über die Berliner Mauer? Aber ja! Warum denn nicht, wenn es sich –wie in diesem Fall- um ein interessantes und sehenswertes zu diesem wichtigen Thema handelt. Denn dieses Buch bringt einen neuen, ungewöhnlichen Blickwinkel auf die jüngere Geschichte Berlins ein, nämlich von oben, aus der Luft sozusagen.
Über die Relevanz dieses Themas für die deutsche Geschichte, Gegenwart und Zukunft muss man nicht mehr referieren. Wer sie bis heute nicht erkannt hat, wird dieses Buch ohnehin nicht in die Hand nehmen. Für alle anderen aber kann es zu erheblichem Erkenntnisgewinn beitragen, egal ob es sich um Fachleute – Architekten, Städteplaner, Historiker- oder um engagierte Laien wie mich handelt. Um mein Fazit vorweg zu nehmen: Kann ein Buch wie dieses rational orientiertes Fach- und Sachbuch sein und zugleich als erzählendes Bilderbuch Emotionen auslösen, wie sie bei einem, der 28 Jahre lang gerade einmal 300 m entfernt auf der östlichen Seite der Mauer gelebt hat, dazu gehören? Ich meine, es kann!
Doch gehen wir in medias res.
Zur Einführung wird die Stadtentwicklung Berlins an Hand historischer Karten erläutert. Eindrucksvoll ist besonders die „Befehlskarte des Kommandeurs der bewaffneten Kräfte im Raum Berlin für den Einsatz des Sicherheitskommandos“ vom Sommer 61, die beweist, dass die Planungen für den Mauerbau sehr wohl bereits vorlagen, als Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 noch behauptete: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Wie zwei Monate später klar wurde, war das eine dreiste Lüge.
Aus dem Rückblick auf die Geschichte Berlins nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dem Vier-Mächte-Status, der Blockade 1948, der Gründung der Bundesrepublik und der DDR sowie der immer stärker werdenden „Bevölkerungswanderung“ von Ost nach West werden die Gründe deutlich, die die DDR-Führung mit Billigung der Sowjetunion bewog, am 13. August 1961 West-Berlin abzuriegeln. (Die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten war ja bereits 1952 von östlicher Seite militärisch befestigt worden).
Im Hauptteil des Buches blicken wir dann auf prägnante Schauplätze des Mauerverlaufs, wobei sich der besondere Reiz dieser Publikation aus der Gegenüberstellung von historischen Schwarz-Weiss-Fotos aus der Zeit vor 1989 mit farbigen Abbildungen von heute ergibt, die meist vom selben Standort aus der Luft aufgenommen wurden.
Natürlich steht dabei das Brandenburger Tor ganz vorn. Schließlich wurde es mehr als alle anderen Gebäude in Berlin vom nationalen Monument zum Symbol der Teilung der Stadt, Deutschlands und der Welt. Und es diente ab 1963 –von beiden Seiten- als Kulisse „staatsmännischer“ Auftritte. Zitat S. 32: „Nikita Chruschtschow, der Mitte Januar als erster vorbeischaut, hat ein Lächeln auf den Lippen. Sein Gegenspieler mag während seines Besuchs Ende Juni für das Bekenntnis –Ich bin ein Berliner- gefeiert werden. Hier jedoch gibt sich John F. Kennedy zugeknöpft, zumal ihn die andere Seite mit Propagandatafeln, roten Fahnen und verhängtem Tor empfängt. Als sich das Schaulaufen gut 20 Jahre später wiederholt, haben sich die Akzente geändert. Wiederum als erster trifft im April 1986 der Generalsekretär der KPdSU ein, der seit einem Jahr Michael Gorbatschow heißt: Bescheiden, aber gefasst schreitet er durchs Tor. Dagegen fordert US-Präsident Ronald Reagan Mitte 1987 emphatisch: Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!“
Doch erst gut zwei Jahre später sind die Bedingungen dafür reif. Und es ist nicht Gorbatschow, sondern es sind tausende beherzter Ost-Berliner, die am 9. November 1989 nach dem missverständlichen Auftritt des SED-Funktionärs Schabowski, der auf einer vom Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die neuen Reisebestimmungen erläutern wollte, die Öffnung der Mauer erzwingen.
Doch bis es soweit war, sollte die Mauer noch viel menschliches Leid bringen. Besonders im Abschnitt Bernauer und Schwedter Straße, wo sie direkt an der Häuserzeile entlang lief, spielten sich in den Tagen nach dem 13. August Tragödien ab, als Menschen aus den oberen Stockwerken sprangen, um in die Freiheit zu gelangen. Um das zu verhindern, wurden die Fenster zugemauert, und später wurden viele der Häuser ganz abgerissen. Eindrucksvoll zeigt das Foto auf Seite 39 die Richtung Osten errichtete hölzerne Sichtblende, die jegliche Kontaktaufnahme unmöglich machen sollte. Im Buch werden gelungene wie auch misslungene Fluchtversuche geschildert. Übrigens lässt sich heute an der Gedenkstätte Bernauer Straße (Ecke Ackerstraße) so authentisch wie sonst nirgendwo in Berlin die Wirkungsweise der Grenzanlagen erfahren. Dazu mussten im Jahr 1997 sogar Teile der Mauer und ihrer Sperranlagen originalgetreu wiedererrichtet werden, denn verständlicherweise hatten zuvor auch hier die „Mauerspechte“ ganze Arbeit geleistet und die Mauer in besonders bei den Touristen beliebte Souvenirs zerkleinert. (Wer sich heutzutage aus Berlin ein Mauerstück zur Erinnerung mitnehmen möchte, sollte allerdings skeptisch sein, ob es sich dabei noch um ein Original handelt.) Ein echtes, wenn auch durchlöchertes Mauerstück kann man noch in der Niederkirchner-Straße, neben dem Martin-Gropius-Bau, sehen. Auch die Eastside-Gallery, der im Buch ein Kapitel gewidmet ist, hat sich zu einem Besucher-
magneten entwickelt, seit Künstler aus vielen Ländern auf diesem knapp zwei Kilometer langen Abschnitt entlang der Spree ihre Gedanken vom Mauerfall bildlich verewigten. Und andere Orten, die in die Geschichte eingingen, erhalten ihren gebührenden Platz, so die Glienicker Brücke zwischen Berlin-Wannsee und Potsdam, wo mehrfach Agenten beider Seiten ausgetauscht wurden, die Bornholmer Brücke, wo am 9. November 1989 gegen 22.30 Uhr erstmals der Schlagbaum für „Normalsterbliche“ hoch ging, oder der Alexanderplatz, auf dem fünf Tage zuvor die größte Kundgebung in der zu Ende gehenden Geschichte der DDR freie Wahlen, Demokratie und Meinungsfreiheit gefordert hatte – für mich, der ich dabei war, der Höhepunkt der Wende. Auch wenn die Mauer von hier einige Kilometer entfernt verlief, halte ich es für richtig, diesen Ort und dieses Ereignis zu würdigen.
Mit dem Fall der Mauer ergab sich natürlich eine gewaltige Herausforderung und eine große Chance für die Stadtplaner und Architekten, die beiden ehemals getrennten Stadthälften wieder zusammen zu bringen. Straßen und andere Verkehrswege mussten verbunden werden. Der brach liegende Grenzstreifen bot Raum für Neubebauung oder für die Gestaltung von Grünanlagen. Am Potsdamer Platz – zu Mauerzeiten ein riesiges Ödland – und am benachbarten Leipziger Platz entstand ein vollkommen neues Stadtviertel. Hier darf Berlin ein wenig Weltstadt spielen, auch wenn ihre Einwohner durchaus unterschiedlicher Meinung über die Eleganz der hier entstandenen Gebäude sind. (Ich persönlich halte die Hochhäuser und das Sony-Center für eine Bereicherung des Berliner Stadtbildes.)
Aber auch weniger bekannte Ecken werden aus der Luft „beäugt“, z.B. das Engelbecken in Kreuzberg. Direkt im Schatten der Sperranlagen gelegen, „verwahrloste es zunehmend“, bis es –ähnlich wie ganz Kreuzberg- von der alternativen Szene entdeckt und wegen seiner billigen Mieten von Gastarbeiterfamilien besiedelt wurde. In den neunziger Jahren sind hier auch hochwertige und entsprechend teure Wohnungen entstanden, ohne dass die bunte Vielfalt dieses Kietzes ganz verdrängt werden konnte. Die Autoren resümieren: (S.104)
„Die Mauer mag inzwischen Geschichte sein, der `Mythos Kreuzberg` ist es noch lange nicht.
Freies Schaffen, Wohngemeinschaften, begrünte Höfe, Bioläden und Multi-Kulti – vieles seinerzeit hier Erprobte ist inzwischen allgemeiner Lebensstil. Nach wie vor zeichnet Berlin die Kreativität seiner Nischen aus, selbst wenn sie sich nicht mehr in Kreuzberg konzentriert.“
Anmerken möchte ich noch, dass diese Publikation erfreulich aktuell daher kommt. Selbstverständlich wird das Regierungsviertel vorgestellt, der imposante Hauptbahnhof gezeigt und auch der neue Flughafen Berlin Brandenburg International behandelt.
Trotz des etwas spröden Titels – ein Buch, nicht nur für Berliner, zum Schauen, zum Erinnern, zum hoffnungsvoll in die Zukunft Blicken!

03.01.2011

Mathias Ehrich
Hoffmann, Hans W: Luftbildatlas - Entlang der Berliner Mauer. 1961 bis heute. Fotos: Meuser, Philipp. 64 S., 60 Abb. 28 x 22 cm. Pb Dom publishers, Berlin 2009. EUR 48,00
ISBN 978-3-938666-84-5
 
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