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Luthers Rom

Ist die (auch verlegerische) Wiederentdeckung der Pilgerwege um 2000 nicht eines der Ergebnisse der philosophischen achtziger Jahre-Diskussionen um die Entschleunigung?

Eben dafür plädieren die beiden Autoren dieses Buches und lassen uns mit ihren religions- und kunstgeschichtlichen An-Sichten auf sakrale Kleinode am Wege jene langsame Annäherung an Rom via Via Francigena/Frankenstraße nachvollziehen, die lange vor und nach Luthers dienstlicher Pilgerfahrt 1511 selbstverständlicher, beschwerlicher Reiseweg für Kaiser, Päpste, (spätere) Heilige und Künstler war.

Anschaulich im Detail und eindrucksvoll-bereichernd im erzählerisch-spannungsvollen Überblick gerät auf dem Pilger-Weg vom Lateran zum Vatikan Rom als Stadt im architektonischen, städtebaulichen und stadtgesellschaftlichen Umbruch ins Bild: Gründerzeit, Renaissance. Das alt-neue städtebaulich-architekonische Konglomerat findet in der Skizze des bei Luthers Aufenthalt noch unvollendeten Um- und Neubaus des Petersdomes seinen vielleicht symbolhaft-deutlichsten Ausdruck – und damit auch der alte, neu materialisierte päpstliche Herrschaftsanspruch auf die caput mundi. Aus heutiger Perspektive und doch zugleich auch mit Luthers Augen sehen wir auf die Stadt, auf Freunde und Widersacher, Gegenspieler Luthers. Imaginär das Meiste, denn von seinem Aufenthalt ist wenig gesichert überliefert: die Katakomben, die deutsche Nationalkirche S. M. dell`Anima, Scala Santa, Kolosseum und Pantheon, Petersdom und Lateran muss er gesehen haben - Reiseanlass, Reisezeit und römische Aufenthaltsorte lassen sich letztlich nur vermuten.

Wenn, wie hier, aus dezidiert ökumenischer Sicht grundsätzliche religiöse Konflikte/Positionen nicht thematisiert werden (sollen), so das mag religions-politisch zeitgemäß korrekt sein, wissenschaftlich-methodisch ist es das nicht: auf diese Sicht zugeschnittene Definitionen (Renaissance, Reformation) lassen aufmerken, Luthers eindeutige Aussagen zu Ablass/Ablasshandel -gerade dem in Rom- müssen so nicht (ausführlich) thematisiert oder visualisiert werden, und auch seine eindeutigen Absagen an das offizielle Kirchen-Rom erscheinen hier sehr zurückgenommen und fast entschuldigend relativiert.

Das trübt die Freude an einem Buch, für das der Verlag mit dem Attribut eines „anderen“ Stadtführers werben könnte, hätten die Marketingleute diesen Begriff nicht bereits verbrannt. Denn hier wird eine Nische in der unübersehbaren Fülle „anderer“ Rom-Literatur gefüllt - allgemeinverständlich, eine kunst- und kirchengeschichtlich „synthetische“ Betrachtung der Stadt ohne abschreckenden Fachjargon mit für Leser und Rom-Besucher übersichtlichen Zuordnungen von Details zu Gesamtübersichten.

Wir täuschten uns also, als wir, wieder einmal, dachten, Rom bereits ein wenig zu kennen – wir kannten dieses Buch noch nicht.

17.02.2011
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Krüger, Jürgen / Wallraff, Martin. Luthers Rom. Die Ewige Stadt in der Renaissance. 176 s., 60 fb. Abb., 1 Stadtplan. 22,0 x 14,5 cmGb. Primus Verlag, Darmstadt 2010. EUR 19,90
ISBN 978-3-89678-841-2
 
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