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Schloss Drachenburg

1985. In einer Schlosskonzert-Pause sahen wir ihn. Er saß, mit Blick auf die Drachenburg vor und seine nicht wenigen Exkremente unter sich, im weit vorspringenden, verschlossenen Erkerzimmer, ungewöhnlich groß, farbig und auf einer Stange: der Papagei des Schlossbesitzers Paul Spinat. Damals unverstanden, lässt sich diese bizarre Szene nach der Lektüre dieses Buches einordnen: ein Papagei als Teil der Inszenierung des Gesamtkunstwerks „Schloss Drachenburg“, des rheinischen Neuschwanstein.

Rückblende
Englische Bildungsreisende des späten 18. Jahrhunderts, visuell vom englischen Landschaftsgarten geprägt, waren die Vorreiter jener idealisierend-romantischen Rhein-Ansichten, deren Popularisierung nicht nur durch Lord Byron und William Turner dann das gesamte 19. Jahrhundert bestimmte. Zu dieser eher europäischen Sicht auf das Rheintal zwischen Bingen und Köln gesellte sich nach den Befreiungskriegen von 1813 ein deutsch-nationaler Blick auf Rhein und Mittelalter, auch künstlerisch Projektionsfläche für die erstrebte nationale Einheit. Das 1871 monarchistisch-obrigkeitsstaatlich geeinte Deutschland adaptierte diesen Blick und interpretierte ihn nationalistisch: der Rückgriff auf nationale Geschichte und Kunst diente nun deren Überhöhung in Literatur, Malerei und Architektur. Das dann und so generierte gründerzeitliche Pathos, fand es seinen Ausdruck nicht auch in der Dominanz des Dekors als Substitut nicht vorhandener architektonischer Substanz? Eine eher kunsttheoretische Frage, die in den Beiträgen zu diesem Sammelband eine praktisch-pragmatische Antwort findet: das 1882 bis 1885 erbaute Schloss Drachenburg bei Königswinter/Bonn als Gesamtkunstwerk zu verstehen. Akzeptiert.

Zwischenblende
Vor dieser Hintergrundfolie nationaler Geschichte werden unter der Architekturhülle liegende zeitgenössische Motivstränge aufgezeigt: der sich hier dokumentierende soziale Aufstieg eines Börsenspekulanten, Innen- und Außenarchitektur als thematisch interdependenter Fokus` auf dem Mittelalter, ekklektizistisch-historisierend außen und innen und eben deshalb Gesamtkunstwerk. Die Folgezeit zeigt, verkörpert durch die jeweiligen Schlossbesitzer, das ganze Panorama jeweils zeitspezifischen Kunstverständnisses bis hin zum bewusst in Kauf genommenen Verfall (die sechziger Jahre waren der Gründerzeit nicht gnädig), vor dem ein begnadeter Exzentriker und Fabulierer das Schloss rettet – und sich dabei, wie andere private Vorbesitzer, finanziell übernimmt.
Die meist fachspezifisch, manchmal auch fachübergreifend vermittelte facettenreiche Schlossgeschichte addiert sich mit der (teilweise zu) detailliert dokumentierten mühevoll-überzeugenden Sanierung, Konservierung und Rekonstruktion des Schlosses von 1995 bis 2010 hier zu einem gelungenen Gesamtbild. Und das bietet, fotografisch opulent, jedoch manchmal zweifach und mit häufig fehlenden Datierungen, dem regionalgeschichtlich Interessierten einiges Vertrautes, dem Kunsthistoriker Anregungen für neue Sichtweisen:

Wenn Architektur wie hier als „horror vacui“ und damit auch als dekorierte architektonische Leere verstanden werden kann, dann muss der Blick auf zwei der wichtigsten Akteure in der Schlossgeschichte fallen. Lokale Parvenus beide,konzipierte der geadelte Erbauer Sarter seine Bibliothek um 1880 nicht als Arbeits-, sondern als Repräsentationsraum mit nur einem kleinen Bücherschrank. Dies war keine indirekte Persiflage auf das zeitgenössische Bildungsbürgertum, wie sie sich hundert Jahre später beim letzten privaten Schlossbesitzer Paul Spinat (1970-1990) vermuten lässt. Dieser ließ für seine Schlosskonzerte eine (von den Denkmalpflegern als zeitgenössisches Dokument belassene) Orgel-Attrappe einbauen, deren Klang ein dahinterstehendes Tonband lieferte. Wir erinnern uns an den Papagei im Erkerzimmer.

Abblende
Architekturgeschichte erweist sich so als (in diesem Band nur ansatzweise aufgezeigte) Sozialgeschichte, architektonische und persönliche Bizarrien, Überspitzungen, Verfremdungen -Andy Warhol war Schlossgast- widerspiegeln auch eine solche Präsentationen goutierende Gesellschaft. Die zeitunabhängige Beliebtheit der Inszenierung vom persönlichen Traum in der Realität zeigt sich dem Leser in diesem Buch - und dem Schlossbesucher von 2011 - daran, dass im Schloss Drachenburg geheiratet werden kann.

Schloss und Vorburg mit dem Museum für die Geschichte des Naturschutzes in Deutschland sind öffentlich zugänglich.

Wolfgang Schmidt - Berlin Friedenau
Schloss Drachenburg. Historistische Burgenromantik am Rhein. Hrsg. v. NRW-Stiftung. 288 S., 350 meist fb. Abb. 21 x 28 cm. Gb Deutscher Kunstverlag, München 2009. EUR 26,90 CHF 45,90
ISBN 978-3-422-02241-6
 
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