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Iran – Weltreich des Geistes

Iran – es gibt derzeit wohl kaum etwas Schwierigeres, als über dieses Land zu schreiben. Michael Axworthy, 1998 bis 2000 Leiter der iranischen Abteilung des British Foreign Office und heute Lehrer an der Universität Exeter, hat es dennoch versucht. 2007 erschien sein Buch „Empire of the mind“, das nun, in erweiterter, aktualisierter Form, auf Deutsch vorliegt: 300 kompakte Seiten über die Geschichten, Religionen und Kulturen eines faszinierenden, unbekannten Landes, das man am Ende der Lektüre noch viel weniger zu kennen glaubt als vorher. Dem Rezensenten hat es nach dem ersten Lesen ordentlich geschwindelt. So dicht sind hier die Informationen aufbereitet – und das, in einer eingängigen (hervorragend übersetzten) Sprache, dass man nicht merkt, wie viel man lernt und leicht eine Überdosis bekommt. Nach dem zweiten, weitaus selektiveren Blick in einzelne Kapitel erschien manches klarer – auch der Grund für den Schwindel. Denn Axworthys Erzählweise weicht plumpen Merksätzen, griffigen Klischees und einem eurozentrischen Blick aus und versucht von Anfang bis Ende ein möglichst differenziertes Bild der aufgerufenen Themen zu zeichnen.
Es beginnt mit der Frage, wer die „Perser“ waren und sind, jenes Volk, das den heutigen Iran seit dem zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt besiedelt, welchen Ursprungs seine Sprache ist und seine Religion, der Zoroastrismus, der einen Gott mit dem eingedeutschten Namen „Zarathustra“ in den Mittelpunkt seiner Theologie stellte – und, was religiöse Praxis und Ethik betrifft, erstaunlich viele Elemente des späteren Christentums vorweggenommen hat. Der zweite große Erzählstrang setzt zunächst außerhalb von Persien ein: Mit der Gründung des Islam durch die Araber, deren Eroberungsdrang sich unerbittlich auch Persien näherte, um es bald unter seine Fittiche zu nehmen. Axworthy gelingt dabei über weite Strecken die Darstellung der verschiedenen gleichzeitig bestehenden, sich wechselseitig befruchtenden Kulturschichten, die trotz politischer und religionspolitischer Instabilität ein wesentliches Merkmal unter arabischer Herrschaft gewesen zu sein scheint. Obwohl der Islam, vor allem in seiner sunnitischen Prägung, Dichtung distanziert gegenüber steht, etablierte sich zwischen 800 und 1200 in Persien eine höchst kunstvolle Literatur, nicht zuletzt durch die Bedeutung, die Schreiben, Erzählen und Fabulieren dort in vorislamischer Zeit gehabt hatten. Dieses persische Element sollte dem schiitischen Islam eine entscheidende Prägung verleihen und den mystischen Bewegungen des sog. Sufismus entscheidende Impulse geben.
Fast die gesamte zweite Hälfte des Buches ist der Zeit vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis heute gewidmet, dem politischen Niedergang im persischen Raum, der darauffolgenden Okkupation durch Kolonialherren, den ersten nationalstaatlichen Erhebungen und dem Aufstieg der Pahlawi-Familie, deren Dynastie Persien im 20. Jahrhundert prägen sollte. Neben der staatlichen Unabhängigkeit ist vor allem der wirtschaftliche Aufschwung mit dieser Familie verbunden: unter ihrer Ägide begann die Ausbeutung des um 1900 entdeckten Erdöls, eines der weltweit reichsten Vorkommen.
Je weiter sich Axworthy der Gegenwart nähert, umso mehr Raum braucht er, um die Differenziertheit seiner Darstellung durchzuhalten. Denn während der Zoroastrismus in Europa kaum vor falschen Vorurteilen verteidigt werden muß gilt dies umso mehr für den islamischen Gottesstaat, den die von Ayatollah Chomeini geführte „Revolution“ 1979 aus dem Iran gemacht hat. Axworthy geht auf ein aus westlicher Sicht wichtiges kulturpolitisches Ereignis dieser Zeit ein: die Fatwa gegen Salman Rushdies „Satanische Verse“ 1989 – über die inneriranische Kulturpolitik indes erfährt man wenig. Das ist insofern schade, als das Regime beispielsweise die großangelegte städtebauliche Verankerung der Religion verfolgt und für die zentralen Freitagsgebete sog. „Mosallas“ bauen ließ, staatliche Moscheenkomplexe riesigen Ausmaßes, die, etwa in Teheran, bis heute nicht vollendet sind oder teilweise, wie in Tabriz, historische Bauten vereinnahmen. An diesem Beispiel hätte man die Bemühungen des Regimes – jenseits der Religions- und Sittenpolizei – zeigen können, den Islam als Identifikationsmittel für die Bevölkerung zu inszenieren. Und gerade im Kontrast zu diesen Bemühungen hätte dann eine Zahl besonders irritierend gewirkt, die Axworthy im Vorwort kommentarlos erwähnt: Nur 1,4 Prozent der Bevölkerung gehen überhaupt zum Freitagsgebet.
Wer Argumente sucht, warum die heutige Atommacht Iran demnächst in Grund und Boden bombardiert werden soll, wird nach der Lektüre von Axworthys Buch heftig an sich zweifeln. Denn der Autor schafft etwas, was in Bezug auf ein solch fernes, nahes Land eminent wichtig ist: er weicht westliche Vorstellungen auf. Er bringt seine Leser auf gelehrsame, unterhaltsame Weise zum nachdenken: über den Iran genauso, wie über sich selbst. (In diesem Zusammenhang sei auch auf das Portal http://www.irananders.de verwiesen, das ähnliche Ziele verfolgt und hilfreich für das Verständnis ist.)

06.01.2012
Christian Welzbacher
Axworthy, Michael. Iran. Weltreich des Geistes. Von Zoroaster bis heute. 320 S. Wagenbach, Berlin 2011. EUR 24,90.
ISBN 978-3-8031-3636-7
 
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