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Die Kunst im Herzen Europas

Als „Euregio Maas-Rhein“ bezeichnet man eine Kulturregion, die wesentlich durch die Städte Aachen, Maastricht und Lüttich mit ihrem jeweiligen Umland bestimmt ist. Sie reicht von Bad Münstereifel im Osten bis Sint Truiden im Westen, von Huy im Süden bis Roermond im Norden, umfasst also Gebiete im heutigen Deutschland, in Belgien und in den Niederlanden. In seinem immer noch lesenswerten, aber nur noch antiquarisch erhältlichen Buch hat der Lütticher Historiker Jean Lejeune 1958 das Gebiet als „Land ohne Grenze“ beschrieben. Das war historisch gesehen durchaus richtig, denn bis ins 18. Jahrhundert gehörte das Maasland von Lüttich und Huy bis Maastricht und Roermond zum „Heiligen Römischen Reich“. Im Jahr seiner Publikation war das Buch aber ein politisches Bekenntnis, gleichsam eine publizistische Vorbereitung der Europäischen Union. Denn die Sprachgrenzen zwischen den drei Ländern, vor allem aber das unendliche Leid der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben einen integralen Blick auf die „Euregio“ nachhaltig verstellt.
Vielleicht hat man auch aus diesen Gründen so lange auf einen adäquaten Nachfolger für Lejeunes Buch warten müssen, der im DuMont-Verlag erschienene Führer von Gabriele M. Knoll „Aachen, Lüttich und Maastricht“ hat diese Aufgabe leider nicht übernehmen können. Jetzt endlich liegt er vor, unter dem schönen Titel „Die Kunst im Herzen Europas“ hat Godehard Hoffmann zusammen mit dem renommierten Greven Verlag in Köln ein Buch gemacht, das zu den wichtigsten kunsthistorischen Neuerscheinungen des Jahres 2003 zählen darf. Aufs Glücklichste sind hier Texte und Bilder zusammengestellt, zudem die verschiedenen Funktionen eines Buches vereint: Die Publikation ist zugleich ein Überblickswerk und ein Reiseführer, ein Bilder- und Lesebuch. Wer sich über die Kunst im Dreiländereck informieren will und darüber hinaus für eine der kunstreichsten Regionen Europas begeistern lassen möchte, ist hier bestens aufgehoben. Doch auch die Kenner des Gebiets werden Entdeckungen machen, wer etwa hat die eingangs abgebildete Madonna vom Sakramentshaus in St. Martin in Linnich schon einmal näher in den Blick genommen? Hoffmanns Buch ist überaus klug disponiert nach chronologischen und regionalen Gesichtspunkten, der Zeitrahmen umfasst dabei nicht weniger als knapp zweitausend Jahre. Dazwischengeschaltet finden sich thematisch orientierte Kapitel, die durchweg mit glücklich gewählten Überschriften versehen sind, die eine eigene Erwähnung verdienen: Über einen der bedeutendsten Kleriker des 12. Jahrhunderts, Willibald von Stablo, der zu den großen Kunstmäzenen seiner Zeit zählen darf, wird man etwa unter dem Titel „Unser Mann in Byzanz“ informiert.
Ein Überblickswerk fordert unmittelbar dazu auf, sich Gedanken zur Auswahl zu machen: Nur wenige Werke vermisst man, die gotische Madonna des 13. Jahrhunderts in Saint-Jean in Lüttich etwa hätte nicht nur erwähnt, sondern auch abgebildet werden können, die Bauten der Renaissance dieser Stadt ein wenig ausführlicher gewürdigt und der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts insgesamt präsenter gemacht werden können. In jedem Falle fehlt dem Buch ein Register. Überflüssig erscheint dagegen der mehrsprachige Anhang: Hier hätte sich demgegenüber angeboten, die inzwischen häufig zu beobachtende Praxis anzuwenden, zunächst nur Seiten mit Bildern zu drucken und dann den Text entweder in Deutsch, Französisch oder Englisch einzufügen. Davon merkt der Leser nichts, er hält am Ende ein einsprachiges Buch in den Händen. Die wenigen kritischen Bemerkungen mögen aber nicht darüber hinwegtäuschen: Dem wirklich schönen Buch Godehard Hoffmanns wünscht man gerne eine europaweite Verbreitung.
Alexander Markschies
Hoffmann, Godehard: Kunst im Herzen EURopas. Aachen, Lüttich, Maastricht und die EURegio Maas-Rhein. Dt. /Niederl. /Franz. /Engl. 2002. 176 S., 180 fb. Abb. 31 cm. Gb EUR 39,90
ISBN 3-7743-0334-7
 
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