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Mittelalterliche Skulpturen in Bewegung

Skulpturen in Aktion – was für ein wunderbares Thema, um das Denken über historische Objekte zu verändern. Denn durch die Musealisierung und die (notgedrungen) statische Präsentationsweise vieler Kunstwerke aus Mittelalter und früher Neuzeit ist auch unser Verständnis über den Bedeutungs- und Verwendungszusammenhang dieser Werke eingerostet.
Die bis März 2026 am Aachener Suermondt-Museum gezeigte Ausstellung „Mittelalterliche Kunst in Bewegung“ und der dazugehörige opulente, reich bebilderte Katalog, sind regelrechte Augenöffner, zumal das Thema bislang zwar Fachleuten bekannt war, aber einem größeren Publikum kaum bewusst. Auf dieses größere Publikum zielen Kuratoren und Katalogherausgeber nun aber dezidiert. Das legt schon der Haupttitel der Schau nahe: „Praymobil“.
Was beim ersten Hören wie ein dümmliches Wortspiel klingt, indem es auf einen der großen Exportschlager der deutschen Spielzeugindustrie der Nachkriegszeit verweist (Playmobil der Horst Brandstätter GmbH in Zirndorf bei Fürth wurde 1974 lanciert) entpuppt sich bei näherem Hinsehen als geschicktes gedankliches Vehikel. Denn Figuren mit beweglichen Gliedern, die in symbolischen Handlungen und religiösen Ritualen genutzt werden konnten, dienten auf ihre spezifische Weise ja ebenso dem „Spiel“ wie die kleinen Plastikmännchen. Und über dieses Spiel, die Veränderbarkeit und Wandlungsfähigkeit, entstand Nähe – und die Möglichkeit der Identifikation mit dem eigentlich „toten“ Objekt.
Tobias Kunz spricht in seinem Aufsatz über den spielerischen Umgang mit Skulpturen des „Jesuskindes“ als Andachtsbild (zur intimen Zwiesprache im Gebet) oder in den ab dem 13. Jahrhundert populär werdenden Krippenarrangements in Kirchenräumen von „Reenactment“ der Heiligengeschichte und weist auf die „Verlebendigung“ dessen hin, was sonst allenfalls über das Wort (Bibeltext) kommuniziert wurde. Man kann daraus umgekehrt schließen, dass die Kirche immer um die Identifikation der Laien mit ihrer Glaubenspolitik fürchtete. „Praymobil“ verweist also gleichsam auf Kommunikationspolitik und PR avant la lettre, die (schon ganz im modernen Sinne von Edward Bernays) nicht einfach nur Argumente liefert, sondern den Konsumenten durch Emotionen ködert (das „schlechte Gewissen“ als Kehrseite dieser Kommunikationspolitik muss man sich freilich hinzudenken).
20 Katalogpositionen stellt das großformatige Buch ausführlich vor: Heiliggeisttauben, Marienfiguren auf Himmelfahrt, Jesusfiguren, die erst ans Kreuz geheftet, dann ins Grab gelegt werden, Babyjesusse, Tragaltäre, Prozessionsfiguren. Die mehr als ein Dutzend Aufsätze umkreisen das Thema in gut lesbarer Weise und gliedern es in zahlreiche Facetten auf. Da geht es um die liturgische Praxis, in denen die beweglichen Skulpturen eingebunden waren; um die Textgrundlagen für Verwendung und Inszenierung; aber auch um ganz handfeste Fragen: wo werden Seile, Schlaufen, Haken und Ösen eigentlich befestigt, um die Bildwerke zu „animieren“? Und dann gibt es Texte, die stärker Richtung Kunsttheorie zielen. Haben wir es hier mit dem zu tun, was seit ein paar Jahren „handelnde Bilder“ genannt wird, also Artefakte, die durch ihre mediale Präsenz im sozialpolitischen Kontext die Rezipienten regelrecht beeinflussen können wie Fetische? Umgekehrt liegt dann auch der Aspekt der Bildzerstörung nahe – einer Art Angstreaktion auf die Macht dieser Bilder.
Beim Lesen des Katalogs stellt sich immer wieder die generelle Frage, was Gottesdienst eigentlich sei: Schauspiel, das man sich anschaut wie die Aufführung auf den Brettern einer moralischen Anstalt, deren Lehre man nicht notwendigerweise zu seiner eigenen Auffassung macht – oder Teilhabe, die zur persönlichen Verantwortung über die sonntägliche Zusammenkunft hinaus verpflichtet? Dass sich letztgenannte Wirkung einstellt – daran hat man offenbar schon im Mittelalter nicht geglaubt. Sonst hätte man bewegliche Skulpturen, die die trägen Gläubigen in Bewegung versetzen, um sie bei der Stange zu halten, nicht gebraucht.

02.02.2026
Christian Welzbacher
Mittelalterliche Skulpturen in Bewegung. Praymobil. Hrsg.: Rief, Michael; Preising, Dagmar. 2025. 400 S. 8 sw. Abb., 254 fb. Abb. 28,5 x 23,5 cm. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2025. EUR 49,95. CHF 57,40
ISBN 978-3-7319-1561-4   [Michael Imhof]
 
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