[Home] [Kunst] [Rezensionen]
Themen
Recherche
Service
[zurück]

Brigitte Meier-Denninghof

Die unbekannte Bekannte

Wenige Künstler sind auf Deutschlands Plätzen so präsent wie das Paar Matschinsky-Denninghoff, das seit den 1970er Jahren leicht wiedererkennbare und die Umgebung markant gestaltende monumentale abstrakte Skulpturen aus Chromnickelstahl-Röhren geschaffen hat. Ihr bekanntestes Werk, das zuerst zum Wahrzeichen der geteilten Stadt und dann zu einer Art Synonym für Berlin wurde ist die 1987 vollendete Skulptur mit dem schlichten Namen „Berlin“ in der Tauentzienstraße in der Blickachse zur Gedächtniskirche, di an eine gesprengte Kette erinnert.
Hinter dem 1970 kreierten „Markenzeichen“ Matschinsky-Denninghoff waren die beiden Künstlerpersönlichkeiten, Brigitte Meier-Denninghoff (1923–2011) und Martin Matschinsky (1921–2020) zurückgetreten. In Vergessenheit geraten war aber, dass Brigitte Meier-Denninghoff seit Ende der 1940er Jahre ein sehr eigenständiges Werk als Zeichnerin und Bildhauerin geschaffen hatte, mit dem sie bereits internationale Erfolge erreichte, ehe sie mit Martin Matschinsky, der eigentlich vom Theater her kam, als Team an die Öffentlichkeit trat. Diesem dann vierzigjährigen Erfolg der beiden im Team soll auch kein Abbruch getan werden, wenn die Berlinische Galerie jetzt das frühe und eigenständige Werk von Meier-Denninghoff endlich einmal in den Vordergrund stellt. An dieses Museum hatten die beiden, die 1970 – im Jahr ihrer „Teambildung“ – von Paris nach Berlin gezogen waren, ihren Nachlass gegeben.
Zu entdecken ist eine Künstlerin, die nach einer traditionellen Ausbildung im zertrümmerten München den englischen Kunstkritiker Antony Thwaites kennenlernte, der ihr den Kontakt zu Henry Moore vermittelte. Es brauchte aber auch das Talent, aus dieser Möglichkeit, die deprimierende Enge der darniederliegenden deutschen Kultur auszubrechen und umgehend eine eigene Formensprache als Zeichnerin wie als Bildhauerin zu entwickeln. Im Deutschland dieser ebenso traurigen wie hoffnungsfrohen Jahre hat dies keine und kein anderer geschafft. Natürlich kann man unterschiedlichste Anregungen der internationalen Kunst in diesen Werken erkennen, aber die Künstlerin verstand es eben etwas Eigenes daraus zu machen und die wenigsten hatten in Deutschland einen so offenen Horizont. Aus den organischen Formen der vierziger und fünfziger Jahre entwickelte sie dann auch die röhrenartigen Skulpturen, mit denen das Team ein Markenzeichen entwickeln konnte. Meier-Denninghoffs Zeichnungen – zumindest die im Katalog publizierten – sind weniger typische Bildhauerzeichnungen, mit denen die realen Körper im Raum vorgedacht werden, als vielmehr eigene, bildhafte Strukturen, die in den 1960er Jahren im effektvollen Hell-Dunkel räumlich werden. Auch technisch ist die Bandbreite dieser Zeichnungen eindrucksvoll.
Mit der Publikation, die eine Ausstellung der Berlinischen Galerie begleitet, ist also eine spannende Künstlerin zu entdecken, die nicht etwa das Schicksal so vieler ihrer Geschlechtsgenossinnen erlitten hat, hinter einem Mann zurücktreten zu müssen. Vielmehr entwickelte sie im Team einen Erfolg, der aus ihrer eigenständigen Arbeit erst entstehen konnte. Ob man Martin Matschinsky als „Manager“ dieser Kreativität abtun möchte, werden zukünftige Analysen dieses vielfältigen Nachlasses erweisen müssen. Aber jetzt ist erst einmal die kreativ voranschreitende Brigitte Meier-Denninghoff in einem – wie immer beim Wienand Verlag – hervorragend produzierten Buch zu erleben. Vier Essays und eine richtungsweisend
Andreas Strobl
Brigitte Meier-Denninghoff. Werke / Works 1946?1970. Hrsg.: Köhler, Thomas; Faßbender, Guido; Heckmann, Stefanie; Beitr.:Faßbender, Guido; Haug, Johanna; Köhler, Thomas; Schöne, Dorothea; Voermann, Ilka. Deutsch; Englisch. 296 S. 148 fb. Abb. 28,5 x 22,2 cm. Wienand Verlag, Köln 2025 EUR 38,00. CHF 46,40
ISBN 978-3-86832-835-6
 
© 2026 KunstbuchAnzeiger, Gabriele Klempert [Impressum] [Nutzungsbedingungen]