[Home] [Kunst] [Rezensionen]
Themen
Recherche
Service
[zurück]

Memokratie - Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik

Um die Jahrtausendwende, in der euphorischen Frühphase von Internet und früher Social Media, assoziierten die damals begeisterten jungen User die neue globale Digitalisierung a ls Ausdruck von demokratisch nutzbaren Freiheiten. Der Bildwissenschaftler Wolfgang Ullrich schrieb damals sogar von der neuen Epoche eines „Bildersozialismus“ in den die Menschheit eingetreten sei. In seinem neuen Buch Memokratie hat der Autor selbstkritisch seinen Irrtum eingestanden und korrigiert. Die Social Media haben in spezieller Form von politisch nutzbaren Spottbildern, Memes und inzwischen auch bildgenerierender KI nicht nur das Medium Kunst höchst negativ revolutioniert. Die früher sozialen Medien sind - ausgehend von den USA mit ihren rechtsgerichteteten Techunternehmern - regelrecht rechtsextrem gekapert worden. Wolfgang Ullrich dokumentiert in seinem (wie immer gut lesbaren) Band minutiös wie sich aus dem anfänglich politisch unschuldigen Format des Memes heute ein äussert aggressives, bewusst disruptiv agierendes Medium entwickelte, das die westlichen Demokratien seit Jahren leider erfolgreich unterwandert und immer stärker in einer Mischung aus zynischer Albernheit und gewaltbereiter Lust an Zerstörung und Hass auf "woke Eliten" selbst gesteigert hat.
Kein Wunder, dass besonders Trump im Meme seinen Favoriten autoritärer Bildpolitik entdeckt hat.
In seiner Untersuchung arbeitet der Autor nicht nur als sorgfältiger Dokumentar detailliert rechter Bild- und Memepolitik. Er formuliert ebenso hellwach wie verständlich die Paradoxa rechtsextrem verzerrter Darstellungspraktiken - und zeigt zugleich das Scheitern der Linken, die sich dieser visuellen Zerstörungspolitik - ebenfalls mit Memes - zu widersetzen versuchen. Ein grundlegendes Dilemma tut sich dabei auf: (Bild-)Störungen von rechts, notiert Ullrich, seien leichter erzählbar. Doch wie lässt sich etwa ein intakter Sozialstaat ästhetisch überzeugend überhaupt positiv darstellen? Zwischen positiven Bildern des Intakten und des fiktional Zerstörbaren bildet sich ein Pfad von unheimlichen Zwischenzonen, die von Links und Rechts bildlich umkämpft werden. Der Nachteil des gegenwärtig Intakten heutiger Demokratien bestehe nach Ullrich darin, dass diese "umso schwerer darstellbar sind je größer diese sind." In gewisser Weise läuft allen "Nicht-Rechten" also die Zeit ihrer Gegenwehr davon je mehr sie versuchen das visuelle Gift von rechtsradikalen Memes unschädlich bzw. transparent zu machen.

Anders als das "alte" Medium Kunst, das sich geheimnisvoll bis komplex geriert und zum Overstatement neigt, arbeiten „Memes“ mit "ästhetischem Understatement", vor allem auch mit einer deutlichen Einladung zur Gewalterwartung. Riefenstahls "Triumph des Willes" bildete 1935 den Höhepunkt nationalsozialistischer Ästhetik. Die Memes von Elon Musk werden wohl einmal in die Geschichte der frühen Digitalästhetik eingehen mit denen weltweit Autokratien versuchten, sich entsprechende Weltbilder zu erzeugen. Wolfgang Ullrichs Band zur Kritik einer dezidiert rechten Bildgattung überzeugt in jeder Hinsicht - auch wenn er die Lesenden am Ende ziemlich desillusioniert zurücklässt.

01.06.2026
Michael Kröger
Memokratie. Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik. Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek (RY836) - Band: 100. Ullrich, Wolfgang. 192 . S. 21,5 x 13,5 cm. Wagenbach Verlag, Berlin 2026. EUR 23,00.
ISBN 978-3-8031-5200-8
 
© 2026 KunstbuchAnzeiger, Gabriele Klempert [Impressum] [Nutzungsbedingungen]