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Durchs wilde Rekonstruktistan

Frisch und von Begeisterung für das Thema getragen ist die Darstellung des Autors, der mit der Frage nach den Motiven für architektonische Rekonstruktionen ein Thema aufgreift, das vielen Menschen in der Gegenwart am Herzen liegt. Es ist so ungewöhnlich wie begrüßenswert, dass ein Kunsthistoriker im Bezug auf sein Thema von „seelische[r] Distanz“ spricht (S.11), denn tatsächlich entzünden sich am wiederaufgebauten Bauwerk immer häufiger in die Gegenwart die Emotionen. Und eine klare Position sollte der Mensch in dieser Frage haben. Auch das Gefühl der Unwahrheit gegenüber der Architektur kann den Leser beschleichen, wenn er in den drei in diesem Band versammelten Essays erlebt und verfolgt, wie die Rekonstruktion von Bauwerken selbst wiederum Geschichte schrieb – etwa die Rekonstruktion des Goethe-Hauses in Frankfurt am Main (S. 56). Erstaunt reibt man sich die Augen und fragt verwundert: Ja woher kommt denn nun dieses Beharren einer Gesellschaft am Vergangenen, ohne dass sich etwas fruchtbar aus demselben in der Gegenwart für die Zukunft entwickelt? Die vorgestellten Beispiele – insgesamt 70 aussagekräftige Fotos in Schwarzweiß – lassen ein Dilemma sichtbar werden, aus welchem sich Menschen erst zu befreien vermögen, wenn sie die Suggestivkraft der Rekonstruktion von historischen Bauwerken – der Titel des Bandes spricht hier Bände – durchschauen. Dann nämlich, so begreife ich die Kritik des Autors, bleibt und bliebe von der Notwendigkeit, Architektur zu rekonstruieren, in den meisten Fällen nicht mehr viel übrig. Denn man bemerkte, dass das in einer bestimmten Zeit Passende der Baukunst (als Ausdruck menschlichen Bewusstseins) nur verwandelt (aber nicht konservierbar) in eine nachfolgende Zeit überführt werden kann. Christian Welzbacher formuliert diesen Gedanken nicht explizit, doch führt er seine Leser, wie ich meine, bis an diesen Punkt, da ihm ein Verstehen der Ursachen jener rätselhaften Symptomatik in der gegenwärtigen und vergangenen Architektur Anliegen ist. „Doch warum“, so formuliert er am Ende des dritten Essays, „lassen wir die Phantome Besitz von uns ergreifen, indem wir Kulturlandschaften in ein Königreich der Geschichtsprojektion, in ein wildes Rekonstruktistan verwandeln?“ Ist die Antwort: „Es ist die Flucht des Menschen vor sich selbst“ (S. 90), da sie keinen Verwandlungsimpuls zur Überwindung des kritisierten architektonischen Phänomens enthält, vielleicht zu kurz gefasst, so öffnet des Autors Darstellung aber zweifellos den Blick – dabei durchaus seelisch schmerzhaft – für eine Problematik unseres Umgangs mit der Architektur vergangener Zeiten.

Wenn dieses mit Freude zu lesende Buch Menschen anregen dürfte, besagte Problematik fruchtbar zu überwinden, wäre das ein von dem Autor wohl selbst nicht intendierter (aber eventuell erhoffter) zusätzlicher Verdienst. Als Rezensent möchte ich es dem kleinen Band wünschen.

21.12.2010


Matthias Mochner
Welzbacher, Christian. Durchs wilde Rekonstruktistan; Über gebaute Geschichtsbilder; 120 S.; 20 sw Abb. ; 12 x 18 cm; Parthas Verlag, Berlin 2010. EUR 12,90; CHF 22,50
ISBN 978-3-86964-031-0
 
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