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Neue Stadt in altem Gewand - Der Wiederaufbau Danzigs 1945-1960.

Die Frage französischer Appeasement-Politiker vom Mai 1939: „Mourir pour Dantzig?“ [Sterben für Danzig?] hatte sechs Jahre später auch in Danzig eine bedrückende Antwort gefunden: viele Bewohner waren gestorben, geflohen, die Häuser in Trümmern. Aus dem Polnischen (hervorragend) übersetzt liegt nun, in Form einer erweiterten und in Polen nur teilweise publizierten Dissertation, eine erste ausführliche Dokumentation des Neuaufbaues in Danzig zwischen 1945 und 1960 vor.
Die Arbeit Jacek Friedrichs überzeugt methodisch dadurch, dass sich hier die These erst aus der vorangegangenen Analyse ergibt und nicht umgekehrt, inhaltlich durch den detailliert-stringent aufgezeigten Prozess der Planung und Realisierung des Neuaufbaus mit all seinen Widersprüchen und Fehlern. Dadurch post-national ebenso wie post-ideologisch, markiert sie einen Wendepunkt im Blick auf die Stadt nach 1945, der uns zum Abschied vom Bild eines historisch wiederaufgebauten Danzig zwingt: es war nur die Rechtstadt, einer von fünf Danziger Stadtteilen, der historisierend wieder aufgebaut wurde.
Dieser Neu-Aufbau zeitigte einen doppelten Dualismus: den historisierend errichteten Straßenfronten/Fassaden der Rechtstadt schließen sich, inspiriert von städteplanerischen Vorstellungen der dreißiger Jahre, lichte Rückfronten an und kontrastieren so als städtebauliche Insel mit den nach 1960 errichteten Neubauten der sie umgebenden Stadtteile.
Jacek Friedrich habilitiert sich zurzeit an der Universität Gdansk. Unser Rezensent hat im Dezember 2010 in Polen mit ihm über seine Studie gesprochen.

Thema Ihrer Studie ist der Wiederaufbau von Häusern, primär in der Danziger Rechtstadt. Gibt es vergleichbare Arbeiten zum Wiederaufbau oder der Restaurierung städtisch-öffentlicher (Krantor, Rathäuser, Zeughaus, Artushof usw.) und sakraler Gebäude?

Beide Bereiche haben von der Denkmalpflege her wenig Beachtung gefunden; über den Wiederauf- bau sowie die Restaurierung solcher Baudenkmale ist bislang wenig publiziert worden. Zur Baugeschichte öffentlicher Gebäude liegen jedoch einige Arbeiten vor.

Ich verstehe den Neuaufbau der Rechtstadt als Materialisierung des Anspruchs auf Danzig als einer polnischen Stadt. Mit diesem städtebaulichen Ensemble sollte die jahrhundertealte Verbindung zwischen Danzig und Polen bezeugt werden. Sehen Sie dies auch so ?

Ja, ich bin sicher, dass dies eines der Ziele des Neuaufbaus von Gdansk war. Wenn Sie sich die Presse bis in die fünfziger Jahre hinein anschauen sehen Sie, dass Gdansk immer als polnische oder zumindest eng mit Polen verbundene Stadt verstanden wurde. Dies schloss beim Neuaufbau eine architektonische Polonisierung wie beispielsweise die für (in Südpolen zu findenden, jedoch für) Danzig untypischen Arkaden ein.

Für den Neuaufbau der Rechtstadt in historischem Gewand gab es neben politischen auch den sozialpolitischen Grund des Baus von Wohnungen für Arbeiter – so lag der Aufbau der Rechtstadt in den Händen einer Arbeiter-Wohnungsbaugesellschaft. Dies scheint in Warschau anders gewesen zu sein?

Warschau bedeutete im kollektiven polnischen Nachkriegsverständnis etwas anders als Danzig: es war nationales patriotisches Symbol, die Zerstörung Warschauers Symbol der Barbarei, der deutschen Besetzung. Wenn Sie sich die Bewusstseinslage in Polen nach dem Krieg ansehen, dann war Danzig mehr mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, Westerplatte und der Polnischen Post, identisch – das historische Zentrum Danzigs hatte diesen Symbolcharakter nicht.
Und noch etwas ist wichtig: während des Krieges wurde im Warschauer Polytechnikum, im Untergrund, das damalige historische Warschau genau dokumentiert. Nachdem Warschau 1944 zerstört worden war, lagen bereits detaillierte Pläne und Angaben zu jedem Haus und jeder Fassade vor. So ließ sich das Vorkriegs-Warschau nach dem Krieg historisch korrekt wiederaufbauen. Und für diejenigen, die es aufbauten, war es zudem eine Stadt an die sie sich erinnerten, die die ihnen am Herzen lag.
Die Situation in Danzig war ganz anders: 95 % der Polen die nach 1945 in die Stadt kamen kannten sie aus der Vorkriegszeit gar nicht; sie hatten, anders als in Warschau, keinen persönlichen Bezug zu ihr, nur eine Vorstellung von ihrem Aussehen. Deswegen war es leichter Danzig so aufzubauen wie Sie es heute sehen: mehr als allgemeine Idee von der einstmals existierenden Stadt, nicht als präzise Rekonstruktion jedes Hauses, jeder Fassade. Denn Danzig war fremd für uns, neu; es war nicht Teil unserer Erinnerung.

In Ihrem Buch findet sich der Satz, dass „sogar heute …, in Danzig historische Gebäude oder sogar Gebäudeensembles kontinuierlich zerstört“ werden. Können Sie diese Aussage verifizieren?

Ja, leider kann ich Ihnen einige Beispiele dafür nennen, dass seit den neunziger Jahren in Danzig architektonisch wichtige Gebäude des 18., 19. und 20. Jahrhunderts zerstört wurden: in der Breite Gasse waren es klassizistische Häuser aus der Zeit des Neuaufbaus Danzigs 1949-1956, an deren Stelle moderne Kopien errichtet wurden und das (außerhalb des Zentrums gelegene) Danziger Schlachthaus ist, im Krieg zerstört, Ruine geblieben.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir nur architektonisch wichtige Gebäude im für Touristen leicht zugänglichen Zentrum Gdansks erhalten, sie aber an anderen Stellen der Stadt zerstören können, besonders dann, wenn es sich um moderne Architektur handelt, wie vor zwei oder drei Jahren ein von Fritz Höger (Hamburg, Chile-Haus) entworfenes beispielhaftes Gebäude. Mit der Ausstellung „Unerwünschtes Erbe“ (2006) wollte ich zeigen, wie viel qualitätsvolle, jedoch kontinuierlich vernachlässigte oder zerstörte Architektur der Zeit nach 1920 Danzig besitzt.
Ich bin deshalb mit einer Situation nicht zufrieden, in der wir einerseits vom Mythos und Ethos der Rekonstruktion des historischen Danzig sprechen und gleichzeitig originale Bausubstanz vernachlässigen.

1949-1956 wurden in Danzig kriegszerstörte Häuser historisierend wieder aufgebaut, Anfang der siebziger Jahre jedoch ein Ensemble im Krieg kaum zerstörter alter Häuser abgerissen. Ist Ihr Buch eine Dekonstruktion des Mythos der sorgfältigen Rekonstruktion Danzigs?

Ich glaube nicht, dass dies das Ziel meiner Arbeiten war. Wenn Sie bei einem Thema ins Detail gehen, dann sehen Sie nicht nur das Positive, sondern auch Negatives. Natürlich zeigte die offizielle Propaganda in den fünfziger und sechziger Jahren nur die hellen Seiten des Rekonstruktionsprozesses. Aber ich kann nicht sagen, dass mein Ziel die Dekonstruktion des Mythos des Neuaufbaus Danzigs war.

…aber ihr Buch hat diesen Effekt.

Ich fand bei meinen Recherchen Fakten, die wahrscheinlich den Mythos relativierten, nicht zerstörten; aber andererseits bin ich sicher, dass die Wahrheit faszinierender als der Mythos ist. Aus meiner Sicht ist der Wiederaufbau Danzigs kein Fehlschlag, nein, es war ein großer Erfolg, aber mit einigen negativen Aspekten.

Von denen war ich sehr überrascht.

Die Gleichsetzung von klassizistischer mit preußisch-deutscher Architektur und das Ende des sozialistischen Realismus waren die Gründe dafür, dass das Danziger Theater zwischen 1955 und 1960 nicht wieder wie geplant neo-klassizistisch, sondern modern wiederaufgebaut wurde, ein Beispiel für den Durchbruch westlicher architektonischer Konzeptionen. Ihre Folgerung daraus, dass durch diese beiden Faktoren der Wiederaufbau des historischen Danzig beendet war, scheint mir nicht einsichtig. Warum gab es nach 1955/1960 keine architektonische Koexistenz? Wurde „historische Rekonstruktion“ mental mit „sozialistisch=russisch“ gleichgesetzt?

Meine Meinung und Hypothese stützt sich auf zeitgenössische Dokumente. Dabei ist in der „Tauwetterperiode“ von 1955/56 ein wichtiger Mentalitätswechsel zu konstatieren: Das Paradox ist, dass viele Architekten in den fünfziger Jahren an der historischen Rekonstruktion Danzigs mitarbeiteten, um nicht nach dem Prinzipien des für sie unattraktiven sozialistischen Realismus entwerfen und bauen zu müssen; das haben mir viele Architekten in Gesprächen gesagt.
Aber, und das ist ein weiteres Paradox, nach 1956 wurde jedwede historische Stilisierung als sozialistischer Realismus der stalinistischen Zeit verstanden; nun war westliche Architektur, Glas und Stahl, modern und attraktiv. Das ist nach meiner Ansicht der Grund dafür, dass der Neuaufbau Danzigs im alten Gewand um 1956 beendet war. Ich möchte Ihnen das anhand des Stadtplans von Danzig zeigen: außerhalb des alten Zentrums ist die Bebauung nicht sehr dicht. Dort konnte man nun modern, in aufgelockerter Bebauung, bauen. Und anders als in den Plänen der vierziger Jahre sollten nun auch nicht mehr alle Danziger Stadtteile historisch/historisierend wiederaufgebaut werden. So gesehen ist das heutige Aussehen Danzigs eine minimalistische Rekonstruktion, was freilich auch finanzielle Gründe hatte.

Aber war dieser architektonische Paradigmenwechsel nicht durch die allgemeine kulturelle Orientierung hin zum Westen bedingt?

Ja. Und auch das ist ein Paradoxon: viele, nicht nur jüngere Leute und auch Architekten, verstehen die polnische Architektur der fünfziger bis siebziger Jahre heute als Teil der kommunistischen Propaganda, des polnischen Kommunismus, als „Sozialmodernism“. Aber wenn ich mir Dokumente aus der „Tauwetter“-Zeit zwischen 1956 und 1958 ansehe, sehe ich eine ganz andere Sicht: großen Enthusiasmus über neue Möglichkeiten architektonischer Gestaltung und das subjektive Gefühl, nun mitgestaltender Teil der westlichen Welt zu sein.

Bei aller Kritik sehen sie am Schluss ihrer Studie das Danzig von heute als interessanten „Hybrid“, dessen Einwohner sich mit dieser Stadt identifizieren – wozu der Neuaufbau der Rechtstadt ein Baustein war. Deshalb interessieren mich ihre Vorstellungen zur Rekonstruktion und dem Bau neuer Gebäude in Danzig.

Ich bin sicher, dass sich die Atmosphäre einer alten Stadt auch mit modernen architektonischen Gestaltungsmitteln ausdrücken lässt. Aber solche Bauten kann man nach meiner Erfahrung nicht nach Plänen oder Projekten, sondern nur nach den an ihnen verwendeten Baumaterialien und dem Bezug zu ihrem Umfeld beurteilen.
Ich bin über die Architektur Danzigs der letzten zwanzig Jahre nicht sehr glücklich, weil sich hier häufig eine naive, bis ins Detail reichende formale Historisierung zeigt. Das größte Problem für mich als Historiker ist, dass nach 1930 errichtete Gebäude nun durch das Hinzufügen neuer, stilisierender Elemente „modernisiert“ und so ihrer ursprünglichen Form beraubt werden; ich möchte diese Gebäude original erhalten wissen.
Als polnischer Bürger Danzigs sehe ich ein widersprüchliches Moment in der Haltung zur Geschichte unserer Stadt. Einerseits übt das alte Danzig der deutschen Zeit eine sehr große Faszination aus, was ich vollkommen verstehe. Aber andererseits wird das polnische Architekturerbe Danzigs nach 1945 vernachlässigt, warum? Ich möchte das gesamte architektonische Erbe für die nächsten Generationen bewahren. Wir rekonstruieren in Danzig Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert fiktional, als Modelle, zerstören aber die architektonischen Zeugen realer Geschichte.

Das ist aber kein polnisches, sondern ein internationales Problem. Schauen Sie nach Frankfurt am Main oder Berlin.
Ja, ich sehe in Deutschland das gleiche Problem.

21. 01. 2011
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Friedrich Jacek. Neue Stadt in altem Glanz. Der Wiederaufbau Danzigs 1945-1960. Visuelle Geschichtskultur 4. 288 S., 24 x 17 cm, Gb. Böhlau Köln 2010. EUR 42,90
ISBN 978-3-412-20312-2
 
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