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Cosmic Communist Constructions

Natürlich ist die Idee, noch irgendwo auf der Welt etwas neuentdecken zu wollen, absurd. Zumal, wenn es nicht um Meeresgetier in 10.000 Metern Tiefe geht, sondern um umfassend publizierte und dokumentierte Architektur, also Menschgemachtes. Aber wir leben im Wikipaedia-Zeitalter, wo Alle ständig Alles neu entdecken (und damit auch gleich für „wichtig“ halten). Und so wird auch die Bau- und Ingenieurkunst der Sowjetunion zwischen 1960 und 1990 zur Entdeckung, die späte Moderne des kommunistischen Ostens als „Vierte Dimension der Architektur“ verklärt (was soll das eigentlich sein?) und als „Cosmic Constructions“ zum albernen kyrillisch-lateinischen Buchstabenspiel „CCCP“ kombiniert. Man kann es auch übertreiben.
Dennoch hat der Journalist und Fotograf Frédéric Chaubin einen beachtlichen Bildband (mit einem intelligenten Essay als Einleitung) vorgelegt, der dem Bekannten eine neue Facette abgewinnt. Es ist die große Zusammenschau der vielen Beispiele (die, wie Chaubin selbst sagt, beliebig sind und nicht in erster Linie architektur-, konstruktions-, oder politikgeschichtlichen Überlegungen folgen). Sie dokumentiert die erstaunliche Homogenität einer staatlich verordneten „Spätmoderne“, die trotz Plan- und Mangelwirtschaft in opulentem Formenreichtum schwelgte, verrückteste Dinge erfand und mit Materialaufwand und viel mathematisch-statischem Sachverstand der tektonischen Schwerkraft trotzte: Fliegende Untertassen aus Beton, skulpturale Museen, pseudosakrale Festhallen, es gibt sie alle. Die Träume der 1920er-Jahre Avantgarde: hier sind sie Wirklichkeit geworden.
Wer Charles Jencks Ende der siebziger Jahre entstandenen Bücher über die „Postmoderne“ wiederliest, sieht die Parallelen in der internationalen Entwicklung: Kapitalismus und Kommunismus waren trotz Systemkonflikt in einer globalen Ästhetik des „anything goes“ verbunden (in der Bildenden Kunst funktioniert diese Parallele nicht, da die Prämissen des Soz-Realismus bis zum Ende der Sowjetunion weiter galten) – aber das wussten wir natürlich schon bevor Chaubin 2003 mit der Kamera loszog, um sieben Jahre lang die versprengten Territorien des zerfallenen Sowjetreiches zu durchqueren.

Was also fängt man mit einem Buch wie „CCCP“ an? Man freut sich über die Reiselust und Entdeckungsfreude des Fotografen, der die Mittel klassischer Architekturfotografie zur eindrucksvollen Inszenierung interessanter Bauten nutzt (und rühmt die gute Druckqualität des Buches: Printed in Germany). Man staunt über den Formenreichtum der Architektur, darüber daß der Zentralismus großartige Bauwerke selbst in entlegene Provinzkäffer katapultierte. Und man wundert sich, daß der „Ostblock“ dieses Erbe offenbar nirgendwo recht würdigt. In Polen ist die Spätmoderne dringend renovierungsbedürftig (http://pl.wikipedia.org/wiki/Jadwiga_Grabowska-Hawrylak). In Serbien, Kroatien oder Slowenien gilt die Moderne als „Jugoslawisch“ und ist damit politisch diskreditiert (http://media.baunetz.de/dl/75855/baunetzwoche_49_2007.pdf).
In Deutschland hat man sich ohne Not des DDR-Außenministeriums und des Palasts der Republik entledigt. Manch elegante Hyparschale Ulrich Müthers ist mit zentimeterdicker Wärmedämmung erschlagen worden – oder verrottet, wie die akut gefährdete Erweiterung der Magdeburger Stadthalle. Dem ständigen Neuentdecken steht offenbar ein weit mächtigeres Vergessenwollen gegenüber! Sehen wir also zu, daß „CCCP“ (der als populärer Bildband größere Verbreitung finden sollte als ein reines Fachbuch), den Blick nicht nur in die letzten Winkel der Sowjetunion führt, sondern auch daran erinnert, daß das Glück vor der eigenen Haustür liegen könnte.

15.02.2011

Christian Welzbacher
Chaubin, Frederic. Cosmic Communist Constructions Photographed. Dt/engl/frz. 314 S. zahlr. fb. Abb., 26 x 34 cm, Taschen-Verlag, Köln 2011. EUR 39,99
ISBN 978-3-8365-2519-0
 
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