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Städtebau in Deutschland im 20. Jahrhundert

Auf 331 Seiten "St√§dtebau in Deutschland im 20. Jahrhundert" darzustellen, bedarf der Kunst der Auswahl und Beschr√§nkung. J√∂rn D√ľwel und Niels Gutschow gelingt dies, ohne der Gefahr zu erliegen, eine unanschauliche F√ľlle von Daten und Fakten auszubreiten. In erz√§hlerischer Manier wird der Leser durch neun Phasen des St√§dtebaus gef√ľhrt. Ein knapp gehaltener Text mit allgemeinen Aussagen l√§sst gen√ľgend Raum f√ľr eine gro√üe Zahl sorgf√§ltig ausgew√§hlter Beispiele. Dabei werden die handelnden Personen - unter Wiedergabe zentraler Texte - deutlich, dabei werden die st√§dtebaulichen Planungen mit zahlreichen Abbildungen - zum Teil aus dem Fundus der Verfasser - veranschaulicht. Kurze Zusammenfassungen am Ende jeden Kapitels erleichtern den √úberblick und machen das Buch zu einem handhabbaren Lehr- und Lernbuch.
Seine herausragende Qualität besteht darin, Verbindungen herzustellen: zwischen den handelnden Personen, zwischen den beschriebenen Städtebau-Phasen und zwischen den unterschiedlichen Städtebau-Leitbildern. Eindrucksvoll etwa, wie städtebauliche Planung vor dem letzten Krieg, im Krieg und nach dem Krieg mit denselben Akteuren Kontinuität besitzt. Eindrucksvoll, wie städtebauliche Konzepte etwa der Nachbarschaft bzw. der Siedlungszelle in unterschiedlicher ideologischer Einfärbung immer wieder Konjunktur erfahren.
Spannend ist die Gegen√ľberstellung des st√§dtebaulichen Handelns jeweils einer Zeitphase in Westdeutschland und in Ostdeutschland. Charakteristisch f√ľr den Wettstreit der Systeme scheint eine Ungleichzeitigkeit der verfolgten st√§dtebaulichen Leitbilder zu sein. W√§hrend zwischen 1949 und 1956 in der alten Bundesrepublik die "aufgelockerte und gegliederte Stadt" bzw. die "Stadtlandschaft" Ideal ist, gilt es in der DDR, die "sch√∂ne" und kompakte Stadt unter Anwendung traditioneller Elemente wie Baublock, Sichtachse oder "Stadtkrone" zu bauen. W√§hrend westliche St√§dtebauer in den 70`er und 80√®r Jahren des letzten Jahrhunderts die historische Stadt, ihre kritische Rekonstruktion und die Stadtreparatur wiederentdecken, wird die Baut√§tigkeit in der DDR durch massenhaften Wohnungsbau in der Form von Gro√üsiedlungen dominiert, die strukturell den westlichen Gro√üsiedlungen der 60√®r Jahre verwandt sind.
J√∂rn D√ľwel und Niels Gutschow ist es gelungen, ein Lehrbuch im besten Sinne zu schreiben. Was kann an Kritik formuliert werden? Allenfalls, dass sich die St√§dtebaugeschichte allzu sehr als ( Ideen- ) Geschichte der St√§dtebauer darstellt. Verkn√ľpfungen zwischen St√§dtebau und sozialen und √∂konomischen Entwicklungen werden erw√§hnt, aber nicht vertieft. Die Rezeption und Akzeptanz von St√§dtebau und Architektur seitens ihrer Nutzer werden nur am Rande thematisiert. Aber: Derartige Anspr√ľche einzul√∂sen und zugleich eine St√§dtebaugeschichte √ľber 100 Jahre zu schreiben, ist ein Ziel, das auch schrittweise erreicht werden kann. Das vorliegende Buch stellt insofern einen wertvollen Beitrag dar, auf dem weitergehende Betrachtungen aufbauen k√∂nnen.
Noch den Wechsel st√§dtebaulicher Leitbilder im vergangenen Jahrhundert und den vagen Ausblick von J√∂rn D√ľwel und Niels Gutschow auf das 21. Jahrhundert im Kopf, l√§sst ein Titel "Wohnen 2020" aufhorchen. Sollte wirklich jemand √ľber die Weisheit und die prognostische Kraft verf√ľgen, zu wissen, was uns in knapp 20 Jahren an Wohnungsangeboten gut tut ? Ein Blick in die schmale Brosch√ľre entt√§uscht. Christoph M√§ckler als Auslober eines studentischen Wettbewerbs pl√§diert - mit der Aufgabenstellung, ohne umfangreiche Darlegungen und Begr√ľndungen - f√ľr die Aufnahme gr√ľnderzeitlicher Strukturen von St√§dtebau: Eindeutige Trennung privater R√§ume von √∂ffentlichen R√§umen mit repr√§sentativem Charakter, Bauen auf der Parzelle, vielf√§ltige Gestaltung innerhalb eines verbindenden Rahmens, Verbindung individueller Wohnformen mit hoher st√§dtischer Dichte. Die Studentenarbeiten zeigen, welche Vielfalt von Geb√§uden und Wohnungen auch dann denkbar ist, wenn sie in geschlossener Reihe einen geometrisch exakt vorgegebenen Stadtplatz umgeben bzw. definieren. Bemerkenswert sind aber weniger die Entw√ľrfe der Studenten, als die Selbstverst√§ndlichkeit, mit der einfache St√§dtebaurezepte f√ľr die Zukunft verordnet werden. Dabei verst√∂rt nicht der Umstand, dass es sich um einfache und keineswegs neue Regeln handelt, sondern das v√∂llige Fehlen von Reflexion und (Selbst-) Kritik. Insofern f√ľgt sich die Brosch√ľre nahtlos ein in eine lange Reihe st√§dtebaulicher Manifeste, die immer schon zweifelsfrei wussten, was not tut.
Dieter v. Luepke
D√ľwel, J√∂rn /Gutschow, Niels: St√§dtebau in Deutschland im 20. Jahrhundert. Ideen - Projekte - Akteure. 2001. 331 S. Pb. (Stud.-B√ľcher d. Geogr. ) Borntraeger, Stuttgart, 2001. EUR 51,-
ISBN 3-443-07126-0
 
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