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Einheitlichkeit der Lebens├Ąu├čerungen

Walter-M├╝ller-Wulckow erreichte in den Jahren 1925 bis 1932 mit vier Bildb├Ąnden zur "Deutsche Baukunst der Gegenwart"bzw. ├╝ber "Die Deutsche Wohnung der Gegenwart" erstaunlich hohe Auflagen zwischen 26.000 und 50.000 St├╝ck pro Band. Eine Neuauflage dieser seinerzeit in der Reihe der ÔÇ×Blauen B├╝cher" des Karl Robert Langewiesche Verlags erschienenen Werke, jetzt mit umfangreichen Materialien erg├Ąnzt sowie in einem Sonderband ausf├╝hrlich kommentiert, macht die Gr├╝nde dieses Erfolgs nachvollziehbar, l├Ą├čt aber auch aus einem Abstand von ├╝ber 70 Jahren deutlich werden, dass es sich bei "dem M├╝ller-Wulckow" um ein zentrales Werk der Architekturgeschichte handelt.
Die vier Bildb├Ąnde sind im Kern eine umfassende Dokumentation der modernen Architektur der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland - anders als es der Titel der Neuauflage vermuten l├Ą├čt, sind Beispiele aus den Jahren zwischen 1900 und 1918 selten. Die Herausbildung der modernen Architektur bliebt so au├čerhalb des Blickfeldes, unterschiedlichen Richtungen der "Moderne" dagegen wird - ohne Zensur des Autors - breiter Raumgew├Ąhrt.
Die von M├╝ller-Wulckow vor allem bei den entwerfenden Architekten gesammelten Fotos blenden in der Regel den st├Ądtebaulichen oder landschaftlichen Zusammenhang ebenso wie Nuther und Gebrauchsspuren aus. Verst├Ąrkt durch die - oft retushcierende - Nachbearbeitung wird der blick auf die neue geschaffenen Geeb├Ąude konzentriert, diese wirken in sich ruhend. Die Gliederung der Bildb├Ąnde nach unterschiedlichen Bauaufgaben oder Nutzungen entspricht der ├ťberzeugung des Autors, dass ├Ąu├čere Erscheinungsbild von Geb├Ąuden nicht ohne Bezug auf ihre ÔÇ×Inhalte" er├Ârtert und bewertet werden kann. Innerhalb einer Gruppe von Geb├Ąuden gleicher Funktion dagegen werden h├Ąufig Entw├╝rfe gleicher oder ├Ąhnlicher Form gegen├╝bergestellt. Dabei wird in Kauf genommen, dass mehrere Fotos von ein und demselben Geb├Ąude bisweilen durch Fotos anderer Geb├Ąude voneinander getrennt werden. ├ähnliches gilt f├╝r die Zuordnung von Fotos und - in nur geringer Zahl dokumentierten - Grundrissen: letztere finden sich jeweils gesammelt am Ende eines Bildbandes.
Keine Begr├╝ndung findet die - aus heutiger Sicht und in Kenntnis der Internationalit├Ąt der Architektur der MOderne bemerkenswerte - Beschr├Ąnkung der Dokumentation auf das Baugeschehen in Deutschland. Eine nationale und zugleich fortschrittliche Baukultur erscheint offenbar vor dem Hintergrund der Ausgrenzung Deutschlands und seiner besonderen gesellschaftlichen und politischen Ver├Ąnderungen als selbstverst├Ąndlich.
Die knappen Einf├╝hrungstexte von M├╝ller-Wulckow geben der Diskussion um Architektur einen ├╝beraus hohen Stellenwert. Moderne Architektur ist aus seiner Sicht einerseits Ausdruck individueller, gesellschaftlicher und politischer Umw├Ąlzungen, umgekehrt aber auch f├Ârdernder und stimulierender Einflussfaktor derartiger Ver├Ąnderungen. Dass "der heutige Mensch" anders "denkt und schreibt, spricht und tanzt, geht und sitzt... als der von ÔÇ×gestern", bedarf f├╝r ihn keiner weiteren Begr├╝ndung. Der "Neubau der Charakterkunde" wird der "neuen Baugestaltung" als sich wechselseitig beeinflussend zur Seite gestellt, beide werden durch "energische Demaskierung" gekennzeichnet. "Der Fassadenschwulst der Gr├╝nderzeit wird in seiner Verlogenheit erst von denen durchschaut, die auch die Hohlheit der gesellschaftlichen Moral erkannt haben. Mit dem jetzt ├╝blich gewordenen Abklopfen der Fassaden hat sozusagen Ibsen den Anfang gemacht. Wedekind hat in die Abr├╝nddigkeit der Hinterh├Âfe hineingeleuchtet." Die Identifikation von Bauformen und in diesen Bauformen erlebten individuellen und sozialen Verh├Ąltnissen f├╝hrt M├╝ller-Wulckow zu Bewertungen, die aus heutiger Sicht ├╝berraschen - und zum Teil am├╝sieren. So, wenn der Autor meint: "Kleine, niedrige R├Ąume sind nicht nur wirtschaftlich g├╝nstiger, sie befriedigen auch am besten unser Bed├╝rfnis und unser neues Raumgef├╝hl. Die hohen und tiefen Zimmer in den zu intensiv bebauten, nach der Fassade orientierten Mietshausbl├Âcken des 19. Jahrhunderts wirken auf uns geradezu beklemmend."
Ein solches Verst├Ąndnis von Architektur als zentralen Faktor sozialer und kultureller Ver├Ąnderungen erkl├Ąrt die hohe Nachfrage nach den vier Bildb├Ąnden, das ungew├Âhnliche Echo in einer Vielzahl von Rezensionen (die im Zusammenhang der Neuauflage in kurzen Ausz├╝gen wiedergegeben werden) - und das intensive Ringen zwischen M├╝ller-Wulcko und seinem Verleger Karl Robert Langewiesche um die Ausahl von Bauvorhaben und Fotos, das GEgenstand eines Aufsatzes von Rosemarie Wesp im die Neuauflage begleitenden Sonderband der "KonTEXTe" ist. Heute, wo Architektur weitgehend von gesellschaftlichen und politischen Bez├╝gen abgel├Âst betrachtet wird, wo Architektur h├Ąufig nur als "eye-catcher" zur Zerstreuung der Freizeit erlebenden Menschen gesehen wird, erscheint dieses ernste Verst├Ąndnis von Architektur als fremd. Es erscheint aber auch als Ausdruck eines oberfl├Ąchlichen Denkens. Nachdem wir auf zwei tiefgreifende Um- und Neubewertungen von St├Ądtebau und Architektur sowohl der Gr├╝nderzeit des 19. Jhs. als auch der "Moderne" der 20er Jahre des 20. Jhs. zur├╝ckblicken k├Ânnen, wissen wir um die eingeschr├Ąnkte Bedeutung der Strukturen der sichtbaren, gebauten Umwelt und um die gro├če Bedeutung ihrer unsichtbaren Nutzungsregeln und -bedingungen.
M├╝ller-Wulckow sieht ein starkes Bed├╝rfnis nach Einheit sowohl in der Architektur als auch im sozialen und kulturellen Leben. Die Dokumentation divergierender Richtungen innerhalb der Architektur der Moderne ist f├╝r ihn daher nur die Dokumentation eines Zwischenzustanden. Gerade mit einr solchen Darstellung will er eine Debatte f├Ârdern, die im Sinne einer idealen Einheitlichkeit kl├Ąrend wirkt. Ursache dieses -aus heutiger Sich und gerade in Anbetracht der Vielfalt modernen Bauens -schwer nachvollziehbaren Strebens mag sein, die witer wirkenden Traditionen fr├╝herer Bauepochen ├╝berwinden zu wollen. Problematischer noch ist die von M├╝ller-Wulckow parallel geforderte "Einheitlicheit" aller "Lebens├Ąu├čerungen des Volkes". Man/frau kann diese - im ├╝brigen nicht weiter ausgef├╝hrte - formulierung als Ausdruck des Zieles sozialer Gleichheit verstehen. Unabweisbar und fatal ist dennoch der Bezug zum heraufziehenden Nationalsozialismus. Dies ist um so ├╝berraschender, als die von M├╝ller-Wulckow propagierte Architektur der Moderne kaum Verbindungen einer nationalsozialistisch inspririerten Herrschafts- und "Heimatschutz"-Architektur besitzt.
Viele Beobachtungen M├╝ller-Wulckows behalten ungeachtet dessen ihre G├╝ltigkeit. Dazu geh├Ârt seine zentrale These, die Bauten der Arbeit und des Verkehrs h├Ątten bez├╝glich der modernen Architektur eine Vorreiterrolle ├╝bernommen, weil diese neuen Bauaufgaben nicht durch historische L├Âsungen belastet gewesen seien. Dazu geh├Ârt seine Erkenntnis, dass eine intensive Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren f├╝r vorbildliche Architektur unverzichtbar sei. Weiter seine differenzierte Einsch├Ątzung der Bedeutung der Entwurfsidee, die nicht schlicht - im Sinne von "form follows function" - den Nutzungsanspr├╝chen folgt, sondern die - getragen von einem starken Gestaltungswillen - Anspr├╝che unterschiedlicher Art integriert und mit einem unverwechselbaren ├Ąu├čeren Ausdruck ausstattet. Und weiter geh├Ârt dazu seine Erkenntnis eines Paradigmenwechsels im Wohnungsbau: an die Stelle der fr├╝her auch f├╝r kleinb├╝rgerliche H├Ąuser vorbldgebenden Villa tritt die "Wohnung f├╝r das Existenzminimum", die in ihrer Rationalit├Ąt nun umgekehrt Vorbildwirkung f├╝r den Wohnungsbaur verm├Âgender Schichten aus├╝bt. Nachdem die b├╝rgerliche Wohnkultur des 19. Jhs. nicht mehr lebendig ist, ist auch die Radikalit├Ąt des Umbruchs zu einer neuen Wohnkultur der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts nicht mehr bewu├čt - die hellsichtigen und pointierten Formulierungen M├╝ller-Wulckows gewinnen um so mehr das Interesse des heutigen Lesers. F├╝r Menschen, die im Zuge der Internationalen Bauausstellung Emscherpark die ├ťberzeugungskraft ├╝bergro├čer Industriebauten neu erfahren haben, ist von verbl├╝ffender Aktualit├Ąt die positive Beurteilung derartiger Monumente seitens M├╝ller-Wulckows: Er sieht sie nicht als Str├Âfaktoren einer Landschft, sondern als Kontrapunkte, die durch ihr Nicht-Einf├╝gen sowohl die besondere Eigenart der Landschaft als auch die des Baukomplexes hervorheben.
Die Neuauflage der vier Bildb├Ąnde erg├Ąnzt ein umfangreicher Anhang. Hervorzuheben sind ein Verzeichnis der mit ihren Werken beteiligten 178 Architekten und 4 Architektinnen (mit Kurzbiographien und bibliographischen Hinweisen), ein Register der vertretenen Orte sowie eine Darstellung der ausgeschiedenen oder nicht verwendeten Bilder sowie der Bildbearbeitung im Verlag. Der begleitende Sonderband ent├Ąhlt au├čer dem schon oben erw├Ąhnten Beitrag von Rosemarie Wesp die Aufzeichnung eines Gespr├Ąchs von Gerd Kuhn mit Julius Posener sowie interpretierende und einf├╝hrende Betrachtungen zum "M├╝ller-Wulckow" von Gerd Kuhn, Timm Starl, Walter Prigge, Olaf Bartels, Gerhard Schuck, Martha Caspers und J├╝rgen Reusch.
Dieter v. L├╝pke
Hans-Curt K├Âster (Hrsg.): M├╝ller-Wulckow, Walter: Architektur 1900 - 1929 in Deutschland, Reprint. 690 S. 666 Abb., dav. 23 fb., SC; 1999. EUR 49,80
ISBN 3-7845-8041-6   [Langewiesche - K?nigstein]
Gerd Kuhn (Hrsg.): KonTEXTe. Walter M├╝ller-Wulckow und die deutsche Architektur von 1900 - 1930, 126 S., 126 Abb., SC; 1999. EUR 24,80
ISBN 3-7845-8042-4   [Langewiesche - K?nigstein]
 
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